Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Bibliographie zu Hegels "Enzyklopädie der philosophischen


00-1/4-123
Bibliographie zu Hegels "Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse" : Primär- und Sekundärliteratur 1817 - 1994 / hrsg. von Karen Gloy und Rainer Lambrecht. - Stuttgart-Bad Cannstatt : frommann-holzboog, 1995. - 123 S. ; 22 cm. - ISBN 3-7728-1631-2 : DM 68.00
[4718]

Diese kleine Bibliographie erscheint nur zwei Jahre nach Erwin Hasselbergs und Frank Radtkes umfassender, dreibändiger Bibliographie über Hegels "Wissenschaft der Logik"[1] und stellt einen weiteren Beweis dafür dar, daß die weltweite Hegel-Forschung ein andauerndes, reges Interesse unter Wissenschaftlern genießt. Daß die beiden Bibliographien innerhalb kurzer Zeit veröffentlicht wurden, ist um so bemerkenswerter, als zuvor Bibliographien über Hegel selten waren.[2] Trotzdem muß man fragen, ob die Bibliographie von Gloy/Lambrecht ein nützliches Werkzeug für Hegel-Forscher darstellt, da die Titel zum großen Teil bereits in der Bibliographie von Hasselberg/Radtke enthalten sein dürften. Eine wichtige Frage ist also, inwieweit sich die beiden Bibliographien überschneiden. Vielleicht haben Gloy/Lambrecht diese Frage vorausgeahnt, indem sie mehrere Seiten ihres Vorworts einem Umriß über Art und Umfang ihrer Bibliographie widmen.

Bevor man sich mit der Bibliographie beschäftigt, muß man sich erst über die Natur der Enzyklopädie selbst im klaren sein. Es gab drei Ausgaben zu Hegels Lebzeiten (1817, 1827 und 1830), und sie dienten den Studenten als allgemeiner Grundriß zu Hegels Vorlesungen. Der erste Teil befaßte sich mit der Wissenschaft der Logik, der zweite mit der Naturphilosophie und der dritte mit der Philosophie des Geistes. Da sie als grobe, zusammenfassende Umrisse zu Hegels Gesamtsystem gedacht waren, hatte die Enzyklopädie historisch nie die Bedeutung der anderen Hauptwerke von Hegel erlangt. Dieser Vernachlässigung wollen Gloy/Lambrecht mit ihrer Bibliographie begegnen. Das hilft auch, zu erklären, warum ihre Bibliographie so schmal ist: man kann eben nicht das große, lang anhaltende Interesse an Hegels Werk der Wissenschaft der Logik (die "große Logik", im Gegensatz zu der "kleinen Logik" der Enzyklopädie) oder der Phänomenologie des Geistes mit der Enzyklopädie vergleichen. Wenn man bedenkt, daß diese Bibliographie die verschiedenen Ausgaben (dazu die Übersetzungen) der Enzyklopädie und dazu die Sekundärliteratur in mehreren Sprachen zwischen 1829 und 1994 verzeichnet, dann wird klar, wie verhältnismäßig wenig über die Enzyklopädie publiziert worden ist.

Dem Vorwort ist zu entnehmen, daß die Bearbeiter bei der Verzeichnung Vollständigkeit für die Berichtszeit vom ersten Erscheinen der Enzyklopädie bis 1994 anstreben. Dieses schließt auch die Einzeluntersuchungen zur Logik, Natur- und Geistesphilosophie mit ein. Sie weisen darauf hin, daß erst in den 60er Jahren eine stetig wachsende Anzahl von "sach- und themenspezifische Hegel-Interpretationen" erschienen. Tatsächlich sind bei der Verzeichnung der Sekundärliteratur nur 13 S. für die Zeit zwischen 1829 und 1960 erforderlich bei insgesamt 107 S., auf denen, grob geschätzt, zwischen 700 und 800 Titel verzeichnet sind. Auswahlkriterien nach Herkunftsländern werden nicht genannt. Die meisten der verzeichneten Titel sind in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch erschienen, während solche aus asiatischen und afrikanischen Ländern sowie aus Australien ausdrücklich ausgeschlossen sind, desgleichen Titel in finnischer, ungarischer und rumänischer Sprache.

Was die inhaltlichen Auswahlkriterien betrifft, so haben sich Gloy/Lambrecht für das Prinzip der Inklusivität entschieden und berücksichtigen nicht nur solche Werke, die sich ausdrücklich mit der Enzyklopädie befassen, sondern auch solche, die sich nur mit einzelnen Teilen beschäftigen. Mit ihren Worten: "Generell dient bei der Aufnahme die Maxime: 1. Texte, die sich gänzlich oder überwiegend mit der Enzyklopädie befassen, 2. Texte zu anderen Schriften, aber mit längeren Passagen zur Enzyklopädie, 3. Texte mit vielen Zitaten oder Verweisen auf die Enzyklopädie aufzunehmen." Man kann nur hoffen, daß sich die Bearbeiter konsequent an diese Prämisse gehalten haben, da man vielen hier verzeichneten Titeln[3] nicht ansehen kann, ob sie sich überwiegend mit der Enzyklopädie befassen. Da die Bearbeiter diese Titel ja aber gründlich geprüft haben, bevor sie sie auswählten, wäre es nur billig gewesen, sie gleich zu annotieren.

Wie steht es nun um die Überschneidungen zwischen der vorliegenden Bibliographie und der von Hasselberg/Radtke? Leider machen letztere keine genauen Angaben dazu, wie sie genau Wissenschaft der Logik in ihrer Bibliographie auffassen. Nach den verzeichneten Titeln zu urteilen, gewinnt man aber den Eindruck, daß nicht nur die beiden "großen" und "kleinen" Logiken gemeint sind, sondern auch Hegels Wissenschaft der Logik an sich, das heißt, daß alle Arbeiten, die sich inhaltlich mit Hegels Logik beschäftigen, berücksichtigt wurden. Theoretisch müßten also alle oder zumindest die meisten bei Gloy/Lambrecht aufgeführten auch bei Hasselberg/Radtke verzeichnet sein. Ein kursorischer Vergleich der Einträge in den beiden Bibliographien hat interessanterweise gezeigt, daß dies nicht der Fall ist. Ohne in eine Detailanalyse der beiden Bibliographien einzugehen, beweist diese Tatsache, wie schwierig es ist, solche Bibliographien inhaltlich abzugrenzen.

Leider läßt die Bibliographie unter handwerklichem Aspekt viele Wünsche offen. Das Fehlen von Annotationen wurde bereits gerügt und daß die Monographien ohne Umfangsangabe verzeichnet sind, ist gleichfalls nicht einzusehen. Völlig unzureichend ist die Erschließung der Titel, besteht die einzige Recherchemöglichkeit doch in einem knappen Inhaltsverzeichnis und in der chronologischen Einordnung der Titel und weiter im Verfasseralphabet. Register fehlen dagegen völlig. Die einzige mögliche Begründung für diesen Makel ist, daß die Bearbeiter und der Verlag, der es eigentlich besser wissen müßte, glaubten, die Bibliographie sei an sich so kurz, daß weitere Zugangsmöglichkeiten nicht notwendig seien. Eine gezielte Recherche nach Verfassern und Sachverhalten ist also nicht möglich und somit kann die Bibliographie dem Anspruch, ein Nachschlagewerk zu sein, in keiner Weise genügen. Allenfalls bietet sie die Möglichkeit, einen Überblick der "Entwicklungen und Trends der Hegel-Interpretation erkennen" zu lassen, was aber im Grunde eine Annotierung der Titel voraussetzte.

Roger Brisson / sh


[1]
Hegels "Wissenschaft der Logik" : eine internationale Bibliographie ihrer Rezeption im XX. Jahrhundert ; Bibliographie in drei Bänden / Erwin Hasselberg ; Frank Radtke (Hg.). - Deutsche Erstausg. - Wien : Passagen-Verlag, 1993. - Bd. 1 - 3. - VIII, 1051 S. - ISBN 3-85165-064-6 : ÖS 1652.00. (zurück)
[2]
Außer der vorstehend besprochenen Hegel-Bibliographie von Kurt Steinhauer deren 1. Bd. 1980 erschien, gibt es nur die laufende Bibliographie, die in den Hegel-Studien erscheint. (zurück)
[3]
Z.B. Narrative, Story, and the Interpretation of Metaphysics, Hegels kritiek van het empirisme oder Die Ambivalenz der Moderne: Staat und Gesellschaft in Hegels Rechtsphilosophie. (zurück)

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