Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Das Standesamt der Weltpresse


00-1/4-093
Das Standesamt der Weltpresse : das Internationale Zeitungsmuseum der Stadt Aachen / Christian Bremen. - St. Augustin : Gardez!-Verlag, 1999. - 224 S. ; Ill. ; 25 cm. - (Geschichte im Kontext ; 4). - ISBN 3-89796-017-6 : DM 34.90
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Oskar von Forckenbeck (1822 - 1898), Gründer des Zeitungsmuseums und unermüdlicher Sammler, hatte sich seine Grabschrift Vita longa, tristis, pro nihilo selbst gewählt. Die vorliegende Publikation entfaltet die Sentenz, indem sie einerseits - auf tristis bezogen - den Lebensumständen des Mannes nachgeht und seinen Charakter umreißt, andererseits dem pro nihilo energisch widerspricht und Geschichte, Rezeption und Bedeutung der Aachener Sammlung ans Licht hebt, zusammen auf gut hundert Seiten. Der Verfasser ist als Historiker derzeit an der RWTH Aachen und am Center for European Studies in Maastricht tätig.

Auf weiteren fünfzig Seiten stellt Christof Spuler, der derzeitige Leiter der dem Stadtarchiv Aachen angegliederten Einrichtung, unter der Überschrift Schätze aus dem Zeitungsmuseum in kommentierten Photos Raritäten der Sammlung vor. Eine englische Zusammenfassung von 15 Seiten, ein ausführliches Literaturverzeichnis, Abbildungsverzeichnis und Personenregister beschließen den Band.

Der biographische Abriß ist überwiegend aus den Quellen gearbeitet, über deren Zustand und Zugänglichkeit der Verfasser ausführlich berichtet. Die Sekundärliteratur ist sorgfältig, gelegentlich bis zur Pedanterie ausgewertet worden.[1] Forckenbecks Vita kann in unserem Rahmen nicht referiert werden. Die Ursprünge seiner Sammlung liegen in seinem Interesse für die geographisch-politische Vielfalt der gedruckten Publizistik, nicht minder aber auch in seiner Neigung zum Raren und Curiösen; sein Weltbild blieb dabei eurozentrisch. Forckenbeck betrieb den Aufbau des Zeitungsmuseums mit hoher Energie über alle Hindernisse hinweg und offenbar unter rigoroser Nutzung des ihm durch Heirat zugefallenen Vermögens. Bremen zeigt sehr schön, daß ein Bündel verschiedener Motive im Spiele war, denen unterschiedliche Zielsetzungen entsprachen. Forckenbeck begann mit dem Sammeln von Zeitungen Ende der 1850er Jahre und hielt "seine Sammlung aufgrund ihrer Vielfalt für ein besonders gut geeignetes Informationsreservoir für wissenschaftliche Arbeiten" (S. 61). Gemeint waren Zeitungsstatistik und Pressegeschichte, schließlich auch Zeitungen als historische Quelle, wobei das einzelne Ereignis im Mittelpunkt des Interesses steht, wie es sich in Extrablättern und Sondernummern spiegelt. In dem von Forckenbeck projektierten, weit gespannten geographischen Rahmen war die kontinuierliche Sammlung der oft zufallsbedingten Zugänge weder technisch möglich noch finanziell durchführbar und ist auch heute in diesem Umfang nicht zu verwirklichen, wie etwa die Sammeltätigkeit der Berliner Staatsbibliothek deutlich machen kann.

Es ist kein Zufall, daß Forckenbeck mit der Einrichtung eines für jedermann (mit Ausnahme von Schülern!) zugänglichen Zeitungs-Lesezimmers im Zusammenhang mit dem Museum den größten Erfolg erzielte. Zeitungs-Leseräume und Zeitungs-Clubs sind untrennbarer Bestandteil der Rezeptionsgeschichte der Tagespublizistik. Die dort gelesenen Blätter für den Bestandsaufbau zu nutzen, ist in Aachen mehrfach versucht worden und wurde an den Universitätsbibliotheken Köln und Bonn noch Anfang der 1970er Jahre praktiziert.[2]

Die Sammlung sollte öffentlich zugänglich und für wissenschaftliche Zwecke verfügbar sein, einander ergänzende, vielleicht auch widersprechende Ziele, die seit der Gründung des Museums 1885 keineswegs allzeit erreicht wurden. Unterschiedliche Trägerschaften und angestrebte Organisationsformen unter wechselnden Leitern mit unterschiedlichen Interessen - Max Schlesinger (+ 1919), Wilhelm Hermanns (bis 1952) und die Stadtarchivare Bernhard Poll und Herbert Lepper - sowie Verlagerungen und Umzüge bestimmten die weitere Geschichte der Sammlung.

Dem Bibliothekar, gewöhnt an den systematischen Bestandaufbau Jahrgang um Jahrgang, bereitet die Vorstellung, lediglich Einzelnummern zu archivieren, einiges Unbehagen. Hier scheiden sich Bibliothek und Museum und kommen einander doch wieder näher, wenn es um Benutzungsdienste in Zusammenhang mit bibliothekarischen Sondersammlungen geht, zu denen Zeitungen zweifellos gehören. In deren Umkreis erbringen die Bibliotheken oft genug Erschließungsleistungen, die sich mit denen der Museen gut und gern vergleichen lassen. Forckenbecks an die Zeitungsverleger in Deutschland adressierter Wunsch beispielsweise nach einem Belegexemplar ihrer ersten Nummer für das Jahr 1886 nimmt um mehr als ein Menschenalter die Stichtagssammlungen vorweg, die Walter J. Schütz seit 1956 für die Bundesrepublik angelegt hat.[3]

Bremen denkt im Hinblick auf die Würdigung der Forckenbeck'schen Leistung weniger an die Bibliotheken als vielmehr an die Publizistikwissenschaft. Er sieht die Sammlung zerfallen, physisch und im Hinblick auf eine sinnvolle Funktion des Unternehmens. "Allzu deutlich klafft seit 1945 noch eine Lücke in der Leistungsbeurteilung von Forckenbecks zwischen den Historikerarchivaren, die von Forckenbeck eine für die Mediengeschichte wichtige Rolle zusprechen und der Zeitungswissenschaft, die ihm diese Anerkennung noch versagt. Offenbar sieht letztere in seinen Leistungen keine Initialwirkung für die Entwicklungsgeschichte ihres Faches", schreibt er am Ende seiner Einleitung (S. 19). Nachdem die von Hermanns vor dem Kriege begonnenen Versuche gescheitert waren, das Museum in die RWTH Aachen einzubeziehen oder einzugliedern, werden derzeit erneute Versuche in dieser Richtung unternommen, wobei es zunächst um die Erschließung der Bestände geht. Spezielle Forschungsprojekte sollen dann einzelne Materialbereiche aufarbeiten, die deutschsprachigen jüdischen Zeitungen oder die Presse der Revolution von 1848.

Die "Schätze aus dem Zeitungsmuseum", 32 kommentierte Photos von Zeitungsseiten, verdeutlichen die verschiedenen Aspekte der Forckenbeckschen Sammeltätigkeit, an denen sich auch seine theoretischen Äußerungen ausrichteten: die Abteilung Standesamt der Weltpresse bietet erste und letzte Ausgaben, Jubiläumsnummern, seltene Streikersatzblätter ("Not Yet The Times", 1979); Schlagzeilen der Weltgeschichte zeigt Zeitungen als Dokumentation des historischen Moments: den Beginn und das Ende von Kriegen, den Reichstagsbrand, Zolas "J'accuse!" auf der ersten Seite der L'Aurore vom 13. Januar 1898, Katastrophen und den Tod von Prominenten. Die Gruppe Außereuropäische Zeitungen schließlich enthält überwiegend Exotisches, Blätter in hierorts unbekannteren Sprachen und Schriftzeichen.

Die kleine Auswahl steht in keinem Verhältnis zu dem ungefähr 150.000 Einzelschriften[4] umfasssenden Gesamtbestand. Zeitungsformate auf den Seiten eines Oktavbandes abzubilden, ist immer mißlich - so gewinnt der Betrachter denn auch nur einen allgemeinen Eindruck und kann bestenfalls die Schlagzeilen entziffern. Um so mehr ist er auf den Kommentar angewiesen, der ihn jedoch leider an einigen Stellen im Stich läßt, und zwar gerade bei den entlegenen Titeln. Über die abgebildeten chinesischen, arabischen und indischen Blätter kann Spuler mangels Sprachkompetenz sachlich nichts aussagen (S. 166 - 168) und fand im Umkreis des Museums offenbar auch niemanden für die sprachliche Entschlüsselung seiner Exotica. Die Overland China mail (Abb. S. 175) bietet ein anderes Problem: Die einschlägigen Handbücher wüßten gar nichts über diesen Titel, erklärt Spuler, und weist auf die besonders kleine Schrifttype dieses englischsprachigen, 1848 in Hongkong erschienenen Blattes hin. Parallelen zu entsprechenden indischen Zeitungen legen für den Rezensenten den Schluß nahe, daß es sich um die Fernausgabe der China mail handeln könnte, eine komprimierte Zusammenfassung der Grundausgabe mit geringerer Erscheinungshäufigkeit. In der Verdichtung des Satzes verrät sich das Bestreben nach Minimierung der Transportkosten. Nach dieser Hypothese wäre der Kopftitel China mail - Overland [Edition] zu lesen.

Die Zugänglichkeit der aktuellen Presseerzeugnisse hat sich, nicht zuletzt mit Hilfe des Internet, wesentlich verbessert; die der älteren Bestände bleibt oft schwierig. Das Zeitungsmuseum kann diese Lücke beträchtlich verkleinern, wenn seine Bestände erst einmal ganz erschlossen sind (ein ehemals vorhandener Katalog wurde, bei geringen Kriegsverlusten im Bestand, ein Opfer der Zeitläufte). Das Museum kann über die Bibliothekssammlungen hinaus schon jetzt die Vielfalt der Tagespublizistik beispielhaft dokumentieren, während die Bibliothekare, bestimmt durch den laufenden Bezug des kontinuierlich zu Sammelnden, an eine Ausweitung der Titelzahl in ihren Instituten kaum denken können. Das "Standesamt der Weltpresse" stellt mithin eine höchst wichtige Ergänzung unserer Zeitungssammlungen dar. Es wäre zu wünschen, daß der vorliegende Band der weiteren Entwicklung positive Impulse gäbe.

Willi Höfig


[1]
S. 18 bemerkt Bremen, Kurt Koszyk erwähne Oskar v. F. in seiner Habilschrift (1966) "nur marginal", nur um dann in einer Anmerkung festzustellen, gemeint sei vielmehr dessen Vetter Max. Der Irrtum bezieht sich lediglich auf einen Registereintrag bei Koszyk. Im Text ist nur von Max die Rede. Die Stelle bei Koszyk sagt über die Bewertung des Zeitungssammlers durch die wissenschaftliche Publizistik überhaupt nichts aus, da sie den Sammler nicht erwähnt. (zurück)
[2]
Übernahme von Zeitungen von der Studentenbücherei; vgl. Die Behandlung von Tageszeitungen an wissenschaftlichen Bibliotheken. - Pullach bei München, 1975, S. 81 - 82. (zurück)
[3]
Vgl. den Artikel Stichtagssammlung in Zeitungswörterbuch : Sachwörterbuch für den bibliothekarischen Umgang mit Zeitungen / hrsg. von Hans Bohrmann und Wilbert Ubbens. Im Auftrag der Zeitungskommission des Deutschen Bibliotheksinstituts. - Berlin : Deutsches Bibliotheksinstitut, 1994. - XV, 334 S. - ISBN 3-87068-463-1 : DM 48.00 [2353]. - Rez.: IFB 94-3/4-419. (zurück)
[4]
Zit. nach Aachener Zeitung. - 1997-07-01 (Aufsatz in Kopie auf S. 127). - Oder sind es 200.000? (vgl. S. 195). (zurück)

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