Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
[ Bestand im SWB ]

Von Almanach bis Zeitung


00-1/4-091
Von Almanach bis Zeitung : ein Handbuch der Medien in Deutschland 1700 - 1800 / hrsg. von Ernst Fischer ... - München : Beck, 1999. - 448 S. ; 23 cm. - ISBN 3-406-45476-3 : DM 148.00
[5906]

Es kommt nicht eben häufig vor, daß ein wissenschaftliches Sammelwerk unter einem irreführenden Titel erscheint. Das Handbuch der Medien in Deutschland 1700 - 1800 fällt leider in diese Kategorie. Nicht das gesamte Spektrum der Medien, sondern nur der vergleichsweise schmale Sektor der Periodika ist Gegenstand der Erörterung. Wer indessen eine "Neubewertung der Kommunikationsverhältnisse im 18. Jahrhundert" anstrebt (S. 25), kann wohl kaum das Medium des Briefs außer acht lassen, und es hätte den Herausgebern gut angestanden, sich vorab in die Briefe Herders oder den Briefwechsel Lichtenbergs zu vertiefen.

Den Anspruch, ein Handbuch zu präsentieren, vermögen die Herausgeber nicht einzulösen. Die nach dem Alphabet der vorwiegend inhaltlich definierten Periodika-Gattungen ("Von Almanach bis Zeitung") angeordneten 25 Beiträge divergieren stark hinsichtlich des Umfangs, der Materialaufbereitung und der analytischen Durchdringung der Thematik. In die bunte Reihe könnten problemlos weitere Periodika eingeflochten werden, etwa die trivialliterarischen Unterhaltungsblätter oder die fremdsprachigen Journale, die nicht auf den Spracherwerb ausgerichtet waren. Zwischen den Beiträgen bestehen keine Verknüpfungen, und man sucht vergebens nach einschlägigen Verweisungen. Hingegen häufen sich die Überschneidungen, da viele Zeitschriften sich nicht in einer einzigen Fachschublade unterbringen lassen. Angesichts der Fülle der erwähnten, zitierten und näher beleuchteten Periodika hätte ein Handbuch-Herausgeber auch nicht auf ein Titelregister verzichten dürfen.

Sämtliche Beiträger sind Spezialisten in ihrem Forschungsfeld, die mühelos auf ihre bereits publizierten Arbeiten zurückgreifen können. Reinhard Wittmann liefert einen Abriß seiner 1973 erschienenen Dissertation über die frühen Buchhändlerzeitschriften.[1] Ute Schneider untersucht die literarturkritischen Zeitschriften anhand der in ihrer Dissertation über Friedrich Nicolais Allgemeine Deutsche Bibliothek (1995)[2] entwickelten Methodik. Wolfgang F. Bender entwirft eine Gattungstypologie der Theaterzeitschriften auf der Grundlage seiner kurz vor dem Abschluß stehenden umfassenden Bibliographie.[3] Der Mitherausgeber Wilhelm Haefs bringt in die Sichtung der frühen Territorialzeitschriften einen Baustein aus seiner monumentalen Arbeit über den bayerischen Publizisten Lorenz Westenrieder (1998)[4] ein. Weniger überzeugend ist der von Helga Brandes unternommene Versuch, auf sechseinhalb Seiten die Entstehung, Entwicklung und literarische Funktion der Moralischen Wochenschriften nachzuzeichnen. Gleich zu Beginn taucht die alte Legende auf, Addison und Steele hätten die Gattung der moral weeklies begründet (S. 225). Der Spectator ist jedoch täglich auf einem halben Foliobogen erschienen, und sein Hauptautor Joseph Addison hat die von ihm in die Welt gesetzte neue literarische Gattung schlicht als Paper bezeichnet.

Mitunter neigen gerade die Spezialisten dazu, die Interessen ihrer Leser aus den Augen zu verlieren. York-Gothart Mix, der sich des dankbaren Themas Medien für Frauen angenommen hat, überrumpelt seine Leserinnen mit einem sechsseitigen title-dropping, das durch die nachfolgenden interpretatorischen Bemühungen nicht ausgeglichen werden kann. Im Gegensatz dazu begnügt sich Jan Knopf mit einer Skizze der Geschichte des badischen Volkskalenders und seiner radikalen Umgestaltung im Rheinländischen Hausfreund Johann Peter Hebels. Über die Vielfalt der Kalendertypen, die Zentren der Kalenderproduktion in Deutschland oder die Relationen zwischen den Formaten der beliebten Schreibkalender und deren Käuferschichten erfahren wir nichts.

Keiner der Beiträger stützt die These der Herausgeber, das 18. Jahrhundert sei das Zeitalter einer Medienrevolution gewesen. Hier und da wird auf die beeindruckende Zahl von annähernd 4000 Zeitschriften verwiesen, die Joachim Kirchner in seiner bekannten Bibliographie für den Zeitraum von 1700 bis 1800 zusammengetragen hat. Aber mehr als zwei Drittel der Periodika waren kurzlebige Unternehmungen, die oft nicht über den ersten Jahrgang hinausgelangt sind. Vor fast fünfundzwanzig Jahren hat Martin Welke anhand einer Auszählung des Kirchner nachgewiesen, daß im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die Zahl der in einem Jahr gleichzeitig auf dem literarischen Markt konkurrierenden Zeitschriften weit unter Hundert geblieben ist.[5] Von einem solchen Bündel heterogener Periodika konnte in der Tat keine Medienrevolution entfacht werden - allenfalls ein mediales Strohfeuer von unterschiedlicher Intensität im städtischen Umfeld und im ländlichen Raum.

Herausgeber und Beiträger haben sich mit großer Sorgfalt um die Korrektheit ihrer Texte gekümmert. Lediglich den IFB-Mitarbeiter Manfred Komorowski hat es getroffen; er ist in Text, Bibliographie und Personenregister zu Komarowski mutiert. Auf einen Computerlapsus geht vermutlich der Eintrag "Paul J. Korshin: The Widening Circle [...]. Philadelphia 1976" im bibliographischen Anhang zu Friedrich-Wilhelm Grafs lesenswertem Beitrag über die theologischen Zeitschriften zurück. Der von Korshin herausgegebene Band versammelt Vorträge von Robert Darnton über den Untergrundbuchhändler Bruzard de Mauvelain, Roy McKeen Wiles über die englischen Provinzleihbibliotheken und Bernhard Fabian über die Rezeption englischer Literatur im Deutschland des 18. Jahrhunderts, die allesamt nicht zu Grafs Themenfeld passen.

Der hübsche Schutzumschlag kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die buchbinderische Verarbeitung des Bandes von zweifelhafter Qualität ist. Schon beim ersten Durchlesen verformt sich der Buchblock nach Art des notorischen Leihbibliotheksromans der fünfziger Jahre.

Der Sammelband ist Wolfgang Martens zum 75. Geburtstag gewidmet, dessen bahnbrechende Arbeiten zur Gattung der Zeitschrift im 18. Jahrhundert in der erfreulich umfangreichen Auswahlbibliographie der jüngeren Forschungsliteratur (S. 403 - 433) vollständig verzeichnet sind.

Horst Meyer


[1]
Die frühen Buchhändlerzeitschriften als Spiegel des literarischen Lebens / Reinhard Wittmann. - Sonderdruck. - Frankfurt am Main : Buchhändler-Vereinigung, 1973. - Sp. 613 - 932 : Ill. (zurück)
[2]
Friedrich Nicolais Allgemeine deutsche Bibliothek als Integrationsmedium der Gelehrtenrepublik / Ute Schneider. - Wiesbaden : Harrassowitz, 1995. - VII, 399 S. ; 25 cm. - (Mainzer Studien zur Buchwissenschaft ; 1). - Zugl.: Mainz, Univ., Diss., 1994. - ISBN 3-447-03622-2 : DM 148.00 [2879]. - Rez.: IFB 95-3-318. (zurück)
[3]
Theaterperiodika des 18. Jahrhunderts : Bibliographie und inhaltliche Erschließung deutschsprachiger Theaterzeitschriften, Theaterkalender und Theatertaschenbücher / Wolfgang F. Bender ; Siegfried Bushuven ; Michael Huesmann. Unter Mitarb. von Christoph Bruckmann ... - München [u.a.] : Saur. - 30 cm. - ISBN 3-598-23181-4 [2465]. - Teil 1. 1750 - 1780. - ISBN 3-598-23182-2 : DM 598.00. - Bd. 1 (1994) - 2 (1994). - Teil 2. 1781 - 1790. - ISBN 3-598-23183-0 : DM 780.00. - Bd. 1 (1997) - 3 (1997). - Rez.: IFB 99-1/4-279. (zurück)
[4]
Aufklärung in Altbayern : Leben, Werk und Wirkung Lorenz Westenrieders / Wilhelm Haefs. - Neuried : Ars Una, 1998. 1178 S. : Ill. - Zugl.: München, Univ., Diss., 1986. - ISBN 3-89391-352-1. (zurück)
[5]
Zeitung und Presse im 18. Jahrhundert / Martin Welke. // In: Presse und Geschichte : Beiträge zur historischen Kommunikationsforschung. - München : Verlag Dokumentation, 1977. - (Studien zur Publizistik ; 23), S. 71 - 75. (zurück)

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