Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland


00-1/4-086
Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland / Jürgen Wilke (Hrsg.). - Köln [u.a.] : Böhlau, 1999. - 846 S. : Ill., graph. Darst., Kt. ; 22 cm. - ISBN 3-412-14898-9 : DM 68.00
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00-1/4-087
Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland / Jürgen Wilke (Hrsg.). - Bonn : Bundeszentrale für Politische Bildung, 1999. - 846 S. : Ill., graph. Darst., Kt. ; 22 cm. - (Schriftenreihe / Bundeszentrale für Politische Bildung ; 361). - ISBN 3-89331-368-0 : (kostenlos für Bibliotheken). - (Bundeszentrale ..., Berliner Freiheit 7, 53111 Bonn, FAX 0228/515-113)
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Zum 50jährigen Bestehen der Bundesrepublik Deutschland hat die Bundeszentrale für Politische Bildung diese Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland in ihre Förderung und in ihren Verteiler aufgenommen und hat allein mit der dadurch gesicherten, weitreichenden Verbreitung in Schule und Erwachsenenbildung bewirkt, daß dieser Band direkt oder indirekt einen prägenden Einfluß auf das Wissen über die Mediengeschichte der BRD bei einem breiten Publikum haben wird. Titel und Verteilsystem begründen insofern eine besondere Erwartung an diesen Band.

Der Mainzer Publizistikprofessor Jürgen Wilke hat wegen der in keiner Weise irgendwie abgeschlossenen, sondern offenen, äußerst facettenreichen und extrem unübersichtlichen Geschichte der Massenmedien in der Bundesrepublik den Band nicht allein oder als Leiter einer von ihm dominierten Arbeitsgruppe verfaßt. Statt des aussichtslosen Versuchs, eine umfassende Monographie zu schreiben, hat er für den von ihm konzipierten Band 24 renommierte Mitarbeiter gewonnen, deren Namensliste sich wie ein Wer-ist-wer der etablierten deutschen Medienwissenschaft liest, soweit sie mit historischen oder Überblicksdarstellungen befaßt gewesen ist, (nur für das juristische Kapitel wurden zwei bisher im Bereich Medienrecht nicht hervorgetretene Autoren verpflichtet). Ihre Namen und ihre Zuordnung zu den jeweiligen Kapiteln garantieren oder repräsentieren zumindest die sachgerechte Bearbeitung der übernommenen Aufträge. Dankbar registriert man die Offenheit Wilkes, auch Stimmen außerhalb der "Mainzer Schule" um Mitarbeit gebeten zu haben, auch wenn klar ist, daß Vertreter konträrer oder abweichender Lehrmeinungen und Positionen nicht engagiert worden sind. Daß Wilke selber mehrere Beiträge verfaßt hat, mag man ihm als Herausgeber zugestehen, daß aber beide Beiträge von Hans Mathias Kepplinger (s.u.) wegen ihrer inhaltlichen Enge auffallen, hätte der Herausgeber durch geschicktere Personenwahl vermeiden können. Im übrigen scheinen sich alle Mitarbeiter der Besonderheit dieses Bandes bewußt: Die Bereitschaft so vieler renommierter Wissenschaftler, an diesem Band mitzuarbeiten, erfüllt und verstärkt zugleich die Erwartungen.

Wilke gliedert den Band in zehn Abschnitte, die sich den Bereichen Mediensystem, Aussagen, Rezeption, Rahmenbedingungen und Wirkungsgeschichte zuordnen lassen, und eröffnet selbst den Band mit einem allgemeinen Überblick und dem Versuch einer Phasengliederung. Das zum Verständnis der bundesrepublikanischen Mediengeschichte unabdingbar notwendige Kapitel Vorgeschichte bestreiten Kurt Koszyk mit einem Beitrag zur Presse unter alliierter Besatzung und Arnulf Kutsch zum Rundfunk dieser Zeit. Es bleibt eine offene Frage, ob zum besseren Verständnis nicht auch ein Abschnitt über Presse und Rundfunk der Weimarer Republik und des "Dritten Reiches" wünschenswert gewesen wäre, um die politisch gewollten Neuanfänge und Ablösungen im Mediensystem noch stärker zu betonen. Es folgt ein Kapitel Strukturwandel des Mediensystems mit Rahmenartikeln zur Tagespresse von Walter J. Schütz, zur Zeitschriftenpresse von Hans Bohrmann, zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk von Ansgar Diller und zum kommerziellen Rundfunk von Rüdiger Steinmetz. Das Medium Film blendet Wilke insgesamt aus, was man wegen der Besonderheiten seines Distributionssystems und seiner vorwiegenden Unterhaltungsfunktion akzeptieren mag, aber für die Geschichte des Fernsehens Lücken aufreißt.[1]

Unter der gemeinsamen Überschrift Angebote, Inhalte, Programme werden Übersichten zur Zeitungsberichterstattung von Hans Mathias Kepplinger (anhand lediglich der Deutschlandberichterstattung der drei Prestige-Zeitungen Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung und Die Welt) zur Programmgeschichte des Hörfunks von Horst O. Halefeldt und zu der des Fernsehens von Peter Ludes angeboten und durch Aufsätze zu spezielleren Zielgruppenmedien ergänzt (zu Leitmedien insgesamt von Jürgen Wilke, zur alternativen Presse von Christian Holz-Bacha und zur kirchlich-konfessionellen Presse von Michael Schmolke, der sich allerdings i.w. mit katholischer Presse befaßt). Hier vermißt man durchaus weitere "Leitmedien" wie politische Zeitschriften (nur "kulturpolitische" werden von Wilke erwähnt), Vereins- und Verbandspresse, die gesamte Fachpresse der Berufszweige, die wissenschaftlichen Zeitschriften u.ä.m.; noch stärker vermißt man zuvor im Beitrag von Kepplinger zumindest den Ansatz einer Problematisierung der thematisch engen Beschränkung.

Im folgenden Kapitel Rezeption, Publikum zeichnen Rüder Schulz und Marie Luise Kiefer die Entwicklungslinien der Nutzung von Zeitungen und Zeitschriften resp. von Hörfunk und Fernsehen unter Einschluß ihrer Forschungsgeschichte nach.

Im sechsten Kapitel Rahmenbedingungen und Bedingungsfaktoren folgen Beiträge von Hans-Jürgen Papier und Johannes Möller zum Presse- und Rundfunkrecht, von Jürgen Wilke zu Nachrichtenagenturen, von Wolfgang Donsbach zu Journalismus und journalistischem Berufsverständnis, von Siegfried J. Schmidt zur Werbung und von Michael Kunczik zur Öffentlichkeitsarbeit. Hier vermißt man durchaus die notwendige Betonung der zunehmenden Ökonomisierung des Mediensystems, die z.B. im Beitrag zur Werbung zugunsten ästhetischer und inhaltlicher Argumente geradezu ausgeblendet erscheint und die auch im Abschnitt zur Öffentlichkeitsarbeit zu wenig thematisiert wird.

Als nächstes Kapitel werden ein - dort jede historische Entwicklung verneinender - Beitrag zu den Massenmedien in der DDR von Günter Holzweissig und zu den Massenmedien im Prozeß der deutschen Vereinigung von Beate Schneider eingefügt, die man inhaltlich gern noch um ein Kapitel zu den Folgen der europäischen Einigungspolitik für den Mediensektor ergänzt sähe.

Es folgen unter der Überschrift Funktionswandel, Wirkungsgeschichte einige Spezialbetrachtungen zu politischen Themen: Axel Schildt widmet sich den Massenmedien im Umbruch der fünfziger Jahre, Jürgen Wilke geht der Frage der Vergangenheitsbewältigung in den Medien nach, Bernd Sösemann beschäftigt sich mit der 68er Bewegung und den Massenmedien (mit ihnen allerdings nur auf den abschließenden zwei Seiten seines Beitrags), Hans Mathias Kepplinger befaßt sich mit beispielhaften publizistischen Konflikten, die in den Medien kontrovers ausgetragen wurden, und zieht aus ihnen sehr allgemeine Folgerungen, Jochen Hoffmann und Ulrich Sarcinelli zeichnen wieder Zeitlinien der politischen Wirkung der Medien und Jürgen Wilke wagt zum Abschluß einen Blick auf Zukunft Multimedia und die Folgen für und im hergebrachten Mediensystem. Hier könnte man sich eine noch stärkere Periodisierung wünschen, die alle fünf vergangenen Jahrzehnte berücksichtigt hätte oder auf "Leitkonflikte" der Jahrzehnte eingegangen wäre.

Es folgt ein Anhang mit nützlichen, meist bis 1998 informierenden Tabellen und Schaubildern, die aus anderen Veröffentlichungen übernommen oder zusammengestellt wurden, und mit einer Zeittafel, die mit dem 24.11.1944, dem Verbot aller publizistischer Tätigkeiten in Deutschland, einsetzt und bis zum 30.8.1998, dem Beginn des Sendebetriebs des Südwestrundfunks SWR, reicht und die recht unterschiedliche Datenmengen und -inhalte für die einzelnen Jahre aufführt. Der Anhang wird vervollständigt durch ein Literaturverzeichnis und ein Register, die beide Wünsche offenlassen: Das Literaturverzeichnis enthält in alphabetischer Folge ca. 350 Titel mit nur knappen bibliographischen Daten; auf eine inhaltliche Gliederung wurde unverständlicherweise verzichtet. Dies Manko kann auch nicht durch die weiterführenden Literaturhinweise in den "Anmerkungen" der einzelnen Beiträge ausgeglichen werden. Das Register beschränkt sich leider auf Personen; für die aufwendigere, trotz der systematischen Gliederung des Bandes eben wegen der sich ergänzenden Beiträge inhaltlich so wünschenswerten und notwendigen Erstellung eines Sachregisters hat sich bedauerlicherweise kein Bearbeiter gefunden. In den Band eingefügt werden insgesamt fünf Bildteile (Presse, Hörfunk, Fernsehen I und II, Werbung), die mit zusammen 228 halbseitigen Schwarzweiß-Bildern eher unzureichend visuell informieren, - die unabhängig von diesen Bildteilen gelegentlich in den Text eingestellten Schwarzweiß-Bilder wirken dort weit informativer.

So bleibt nach der Lektüre des Bandes eine Mischung aus Enttäuschung und Dankbarkeit: Dankbarkeit, daß die Gelegenheit des 50jährigen Jubiläums der Bundesrepublik für die Erarbeitung und Verbreitung einer Mediengeschichte der BRD genutzt und durch die Mitarbeit so prominenter Wissenschaftler auch eindrucksvoll ausgefüllt worden ist. Enttäuschung aber darüber, daß nicht noch mehr Mühe und Aufwand eingesetzt worden sind, um zumindest einige offensichtliche Lücken und Auslassungen zu schließen. Dem Band ist vor der hoffentlich bald notwendigen Neuauflage in diesem Sinne eine ergänzende Überabeitung zu wünschen.

Wilbert Ubbens


[1]
Nicht zu akzeptieren aber ist Wilkes als Ersatz angebotener zweiter Literaturhinweis auf drei Bände der Fischer Filmgeschichte, die bekanntlich keine Geschichtsdarstellung bieten, sondern exemplarische Filmanalysen internationaler Filme (unter Einschluß einiger deutscher). - Rez.: IFB 95-4-601. (zurück)

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