Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Die Bibliothek der Zukunft


00-1/4-062
Die Bibliothek der Zukunft : Text und Schrift in den Zeiten des Internet / Dieter E. Zimmer. - 1. Aufl. - Hamburg : Hoffmann und Campe, 2000. - 331 S. : graph. Darst. ; 21 cm. - Kommentierter Linkkatalog S. 269 - 321. - ISBN 3-455-10421-5 : DM 39.90
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ZEIT-Leser werden sich noch an die fünfteilige Artikelserie Die digitale Bibliothek von 1997 erinnern können, für die Dieter E. Zimmer mit dem Helmut-Sontag-Preis, dem Publizistenpreis des Deutschen Bibliotheksverbands, ausgezeichnet wurde. Eine durchgesehene Fassung erschien 1998 im ZfBB-Sonderheft zum 50jährigen Bestehen des DBV.[1] In Zimmers neuem Buch findet man die Texte nun zusammen mit zahlreichen weiteren Beiträgen aus seiner Feder - u.a. der dreiteiligen ZEIT-Serie Computer und Sprache vom Mai 1999.

Eine stringente Abhandlung darf man unter diesen Umständen nicht erwarten. Die Essays gruppieren sich eher lose um eine Thematik, die mit "Bibliothek der Zukunft" nur unzureichend beschrieben ist: Behandelt werden nämlich auch sehr allgemeine Fragen zu Computern und Internet wie z.B. die Entwicklung der verschiedenen Zeichensätze, die Funktionsweise von CD-ROMs oder der Aufbau einer URL. Auch in ihrem Charakter und Tiefgang unterscheiden sich die einzelnen Abschnitte beträchtlich: Harte Fakten (z.B. die verschiedenen Methoden der Digitalisierung) stehen neben eher Marginalem wie der Entstehung des @-Zeichens, Grundsatzdiskussionen über das Informationszeitalter neben praktischen Anleitungen, z.B. zum Einfügen von Sonderzeichen in MS-Word. Die Aufteilung in einen allgemeinen und einen speziellen Teil soll die bunte Vielfalt strukturieren, führt jedoch dazu, daß dem Leser dieselbe Sache mitunter zweimal an ganz unterschiedlichen Stellen im Buch begegnet - die beiden Kapitel zum Thema OPAC beispielsweise sind durch fast 150 Seiten getrennt! Häufig wird man daher das Register zu Rate ziehen müssen. Im Anhang findet sich außerdem eine Sammlung einschlägiger Links, die freilich nur eine Momentaufnahme sein kann (die Homepage der ZEIT bietet die jeweils aktuelle Fassung). Zudem zeigt ein umfangreiches Literaturverzeichnis, daß der Autor die fachwissenschaftliche Diskussion genau verfolgt hat.

Inhaltlich können gerade die spezifisch bibliothekarischen Abschnitte überzeugen. Den Anspruch, "sich der Euphorie wie des Alarmismus" (S. 7) zu enthalten, löst der Autor voll ein: Gleich auf den ersten Seiten stellt er klar, daß die Bibliotheken sich keineswegs - wie 1995 auf dem Göttinger Bibliothekartag düster prophezeit - im Netz auflösen werden, und daß auch künftig noch papierene Bestände zu betreuen sein werden; auch mit der Mär von der 'billigeren' digitalen Bibliothek räumt er auf. Für Bibliothekare sind dies keine neuen Erkenntnisse, doch ist es ungewohnt und wohltuend, eine derart nüchterne und ausgewogene Darstellung von Journalistenseite zu lesen. Die Zielgruppe sind 'interessierte Laien': Wer erfahren möchte, was die Bibliothekswelt derzeit umtreibt, der findet schlüssige und verständliche Erläuterungen zu so wichtigen Themen wie Retrokatalogisierung und Retrodigitalisierung, digitalem Urheberrecht, elektronischen Zeitschriften, Langzeitarchivierung oder Metadaten.

Natürlich ließe sich über manche Einschätzung streiten: Darf man Berlin-Brandenburg nach Start des KOBV noch "die empfindlichste Lücke" (S. 91) im System regionaler Verbünde nennen? Kann man wirklich von der "umwerfenden Schlichtheit" des Dublin Core Set sprechen, das "lediglich fünfzehn nicht weiter unterteilte Felder" (S. 211) verwende? Durch Unterelemente und Qualifikatoren läßt sich längst die Komplexität von RAK-Aufnahmen erreichen. Und zum Thema Zeitschriften: Daß "gute, verlässliche, nachhaltige Arbeit in jedem Medium ihren Preis hat" (S. 87), ist zweifellos richtig - aber ist damit schon die Preispolitik der wissenschaftlichen Verlage gerechtfertigt? Mit Initiativen wie SPARC oder HighWire Press demonstrieren Universitäten und Fachgesellschaften doch, daß man hochwertige und prestigeträchtige E-Zeitschriften auch zu einem Bruchteil des Preises kommerzieller Produkte auf den Markt bringen kann. Merkwürdig unterrepräsentiert bleiben überdies bibliothekarische Internetprojekte, zumal solche aus deutschen Landen: Nicht nur die australische Nationalbibliothek archiviert Netzpublikationen (S. 185), sondern inzwischen auch Die Deutsche Bibliothek. Und von den vielfältigen Ansätzen für eine über die Suchmaschinen hinausgehende, bibliothekarische Erschließung von Internetquellen, wie sie etwa in Göttingen mit SSG-FI betrieben wird, erfährt der Leser überhaupt nichts. Im allgemeinen ist die Darstellung der 'großen Linien' jedoch überaus gelungen und auch für Fachleute anregend zu lesen.

Daneben verfügt der Band über einen hohen praktischen Nutzwert: Die Erläuterungen zum Umgang mit OPACs etwa möchte man selbst geübten Bibliotheksbenutzern ans Herz legen. Boolesche Operatoren, Register, phrasenweise Indexierung u.ä. werden hier so anschaulich und kurzweilig erklärt, daß auch technisch weniger Begabte etwas damit anfangen können. Aber auch sonst bieten sich immer wieder Gelegenheiten für Aha-Erlebnisse. Die Wahl auf den ersten Platz der Sachbuch-Bestenliste im Juli 2000 erscheint der Rezensentin deshalb vollauf gerechtfertigt.

Neben technischen Details nehmen philologische Anmerkungen einen relativ breiten Raum in den Essays ein, ist der Autor doch von Hause aus Germanist. Für den bibliothekarischen Leser besonders interessant ist eine Glosse über die Verwirrung um 'digital', 'elektronisch', 'virtuell' u.ä. Doch leider trügt die Hoffnung, die langjährige Debatte um den korrekten Sprachgebrauch (besonders in Verbindung mit 'Bibliothek') könnte von dieser Seite eine Lösung finden: Zwar ist die Aufdröselung der 'eigentlichen' Bedeutungen der Begriffe für das Verständnis nützlich, doch hängen - wie die moderne Linguistik weiß - 'falsch' und 'richtig' nicht von der Etymologie der Wörter ab, sondern vielmehr vom tatsächlichen Gebrauch in der Sprachgemeinschaft. Und so lange die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung - und auch der Bibliothekare - die Adjektive praktisch synonym verwendet, wird man dies wohl oder übel akzeptieren müssen.[2]

Ein Nachschlagewerk oder Handbuch im eigentlichen Sinne ist das vorliegende Werk sicher nicht, doch kann man es als gut lesbare Hinführung jedem empfehlen, der öfter mit Bibliotheken zu tun hat. Daß damit gleichzeitig bibliothekarische Anliegen, die sonst nur in Fachkreisen diskutiert werden, einem breiten Publikum nahegebracht werden, kann man nur begrüßen.

Heidrun Wiesenmüller


[1]
Bibliothekspolitik in Ost und West : Geschichte und Gegenwart des Deutschen Bibliotheksverbandes / hrsg. von Georg Ruppelt. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1998. - VI, 322 S. - (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie : Sonderheft ; 72). - Hier S. 265 - 317. (zurück)
[2]
Vgl. Das Konzept der "virtuellen" Bibliothek im deutschen Bibliothekswesen der 1990er Jahre / Heidrun Wiesenmüller. - Köln : Greven, 2000. - 136 S. - (Kölner Arbeiten zum Bibliotheks- und Dokumentationswesen ; 26). - ISBN 3-7743-0580-3 : DM 39.80. - Hier S. 9 - 25. (zurück)

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