Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Lexikon der lateinischen Zitate


00-1/4-046
Lexikon der lateinischen Zitate : 3500 Originale mit Übersetzungen und Belegstellen / hrsg. von Hubertus Kudla. - Orig.-Ausg. - München : Beck, 1999. - 603 S. ; 19 cm. - (Beck'sche Reihe ; 1324). - ISBN 3-406-42124-5 : DM 38.00
[5735]

In lateinischen Zitatelexika ist eine Art Boom zu beobachten, neuerdings auch auf CD-ROM.[1] In dem vorliegenden Paperback legt H. Kudla (im folgenden: K.), ein pensionierter Studiendirektor, 3524 Zitate vor, womit er Bayers Nota bene (im folgenden: B.) und Kasper (Ka.) noch übertrifft. Seine Hauptabsicht umschreibt er eingangs so (S. 7): "Das vorliegende Lexikon lateinischer Begriffe, Sentenzen, Sprichwörter und Zitate soll allen interessierten Lesern helfen, den Wortlaut bekannter und unbekannter lateinischer Zitate rasch zu finden, die Quelle festzustellen und in der beigegebenen Übersetzung den Sinn des lateinischen Textes adäquat zu verstehen." (Hervorhebung original). Außerdem möchte er "punktuelle, aber oft tiefe, klärende Einblicke in viele wesentliche Bereiche des menschlichen Lebens und in die großen Themen und Werke der römischen und der späteren lateinisch geschriebenen Literatur" bieten und "der Vergegenwärtigung des Lateins, das im politischen Zusammenwachsen der europäischen Staaten neue Aktualität gewinnt", dienen (S. 12).

Das Material ist nicht alphabetisch geordnet, sondern nach ca. 600 alphabetisch[2] sortierten Stich-/Schlagwörtern. Innerhalb der Schlagwörter erscheint zunächst eine chronologische Reihung, danach Bibelzitate und schließlich Verweisungen. Ein alphabetisches Register der Zitate (S. 560 - 603) soll das Auffinden erleichtern. Diese Ordnung ermöglicht reizvolle Vergleiche, wenn verschiedene Zitate ein Thema unterschiedlich beleuchten, und führt in der Regel auch zum einzelnen gesuchten Zitat, wenn auch auf Umwegen. Das Register bietet anscheinend ausnahmslos jedes Zitat nur einmal, berücksichtigt also nicht das Problem der verschiedenen Fassungen eines und desselben Zitats. Andrerseits fangen die etwa 800 Verweisungen vieles auf. Beispiele: Tua res agitur sucht man im Register vergeblich, weil K. die volle Fassung Nam tua res agitur, paries si proximus ardet bevorzugt, die unter Nachbar 1927 erscheint, mit Verweisungen von Feuer und Sache. Unter 3304 Dictum sapienti sat est wird zwar die Kurzform Sapienti sat erwähnt, doch fehlt diese im Register; der Leser, der nur sie kennt, dürfte das Zitat dennoch (unter weise / der Weise) finden, unterstützt von einer Verweisung unter genug. Nur ganz selten werden verschiedene Fassungen eines Zitats unter eigenen Nummern angeführt (z.B. 77 und 613).

Die einzelne Eintragung ist folgendermaßen angelegt: ggf. Schlagwort fett; Nummer auf dem Rand fett; Zitat; Quellenangabe (falls mehrere angeführt werden, werden sie ohne Interpunktion aneinandergehängt) und ggf. Parallelstellen in Kleindruck; Übersetzung kursiv; ggf. Erläuterungen in Kleindruck. Einrückungen fehlen (ausgenommen bei Versen); der Abstand zwischen den Zitaten ist gering. Das typographische Bild wirkt dadurch etwas unübersichtlich, aber platzsparend.

Die Erläuterung der Zitate ist genügend informativ und zuverlässig.[3] Dagegen läßt die Quellendokumentation, ein kritischer Punkt bei solchen Werken, teilweise zu wünschen übrig. Etwa 10 % der Zitate sind ohne jede Quellenangabe. Häufig werden andere Zitatesammlungen (besonders von nachantikem Material) abgekürzt als Quelle angeführt. Sie sind im Anhang Literatur (S. 553 - 556) zu suchen: Dort ist außer zahlreichen Zitatesammlungen noch einige allgemeine Sekundärliteratur ohne erkennbares Prinzip zusammengestellt, jedoch gibt es Lücken bei den Quellennachweisen. Beispiel: Unter Nr. 1304 lauten die Quellenangaben "MA H. Walther 22 546 b Philippi II 109 Binder 2,668". "MA H. Walther" läßt sich durch eine Kombination des winzigen allgemeinen Abkürzungsverzeichnisses auf S. 13 mit S. 556 auflösen; die beiden anderen Angaben sind unauffindbar.

Außer aus mittelalterlichen Sammlungen schöpft K. vor allem aus den großen Klassikern Cicero, Vergil, Horaz, Ovid und Seneca sowie aus der Bibel. Die Bibelzitate, die einen Gutteil des quantitativen Plus gegenüber Ka. und B. ausmachen, sind durch ein besonderes Randzeichen und ihre separate Einordnung hervorgehoben. Zweifellos sind zahllose Bibelstellen auch heute noch geläufig und verbreitet, aber kaum in lateinischer Sprache; sie wirken deshalb hier deplaziert.[4] Ein Quellenregister fehlt; stattdessen gibt es eine Art rudimentäres Lexikon antiker Schriftsteller (Lateinische Autoren und Griechische Autoren S. 541 - 552). Ein Vergleich der hier gebotenen Auswahl mit den konkurrierenden Werken von B. und Ka. zeigt auch hier die größere Nähe zu Ka. (mit der ihn auch die platzsparende Typographie und die größere Prägnanz und Zuverlässigkeit der Dokumentation und Kommentierung verbindet); andererseits wird das subjektive Moment solcher Auswahlen deutlich: Etwa die Hälfte seiner Zitate hat er allein, ein Viertel hat er mit B. und Ka. gemeinsam, ein Fünftel nur mit Ka., ganz wenige nur mit B. Unter seinem "Alleinbesitz" finden sich viele glückliche Funde, andrerseits aber auch Kürzel wie AD (Anno Domini) und SJ (Societas Jesu), die man kaum in einem Zitatelexikon erwartet.

Es wird nicht immer klar, was für Übersetzungen K. zitiert. Sporadisch, ohne erkennbares Prinzip, ist der Name eines Übersetzers beigefügt. Ein Verzeichnis Quellen (S. 557 - 559) bietet unter der Überschrift Zitierte Werke (Auswahl) eine sehr lückenhafte Liste von Ausgaben und deutschen Übersetzungen lateinischer Werke, was aber nicht heißt, daß er die dort aufgeführten Titel durchweg zugrundegelegt hat; vielmehr hat er offenbar viel oder das meiste selbst übersetzt. Auch zu Dichterzitaten bietet er erfreulicherweise so gut wie immer Prosaübertragungen. Jedenfalls sind die Übersetzungen in der Regel zuverlässig und fehlerfrei, ebenso wie der Wortlaut der Zitate und die Stellenangaben.[5]

K. nimmt neben den älteren Zitatesammlungen einen guten Platz ein, ohne deutlich herauszuragen oder sie gar zu ersetzen, und kann einschlägigen Bibliotheken (für die freilich die dicke Paperback-Form ungünstig ist) zur Anschaffung empfohlen werden.

Bernd Bader


[1]
Vgl. zuletzt die Komplexrezension in IFB 99-1/4-049 - 051: Nota bene! : das lateinische Zitatenlexikon / von Karl Bayer. - 3., erw. und überarb. Aufl. - Düsseldorf ; Zürich : Artemis & Winkler, 1999. - 676 S. ; 25 cm. - ISBN 3-7608-1161-2 : DM 98.00 [5522]. - Reclams lateinisches Zitaten-Lexikon / von Muriel Kasper. - 2., durchges. Aufl. - Stuttgart : Reclam, 1997. - 432 S. ; 16 cm. (Ln.). - ISBN 3-15-029477-0 : DM 28.80 [5683]. - Expressis verbis : lateinische Zitate für alle Lebenslagen / Karl Bayer. - 2., verb. Aufl. - Düsseldorf ; Zürich : Artemis & Winkler, 1998. - 702 S. ; 25 cm. - ISBN 3-7608-1128-0 : DM 49.80 [5318].
Inzwischen sind erschienen: Variatio delectat : das Vademecum der lateinischen Sprichwörter, Redensarten... / gesammelt und übers. von Manfred Mletzko. - Bamberg : Buchner, [1998]. - 159 S. : Ill. ; 21 cm. - ISBN 3-7661-5698-5 : DM 25.00. - In medias res [Computerdatei] : Lexikon lateinischer Zitate und Wendungen / hrsg. von Ernst Bury. - Orig.-Ausg. - Berlin : Directmedia Publishing, 1999. - 1 CD-ROM. - (Digitale Bibliothek ; 27). - ISBN 3-932544-38-2 : DM 49.90. (zurück)
[2]
Ä, Ö, Ü sind wie A, O, U eingeordnet. (zurück)
[3]
Beachtlich ist z.B. unter 3413 die sorgfältige Kommentierung des bekannten Alea iacta est. (zurück)
[4]
Die jahrhundertelange Rezeptionsgeschichte der lateinischen Bibel ist heute auf kleine Kreise beschränkt, und den Satz "Latein ist die Sprache der Katholischen Kirche" (S. 11) kann man so uneingeschränkt heute nicht mehr stehen lassen. (zurück)
[5]
Unter Nr. 2321 z.B. ist der lateinische Text genauer als bei Ka. und B. zitiert. (zurück)

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