Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur


00-1/4-037
Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur : ein internationales Lexikon / Bettina Kümmerling-Meibauer. - Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1999. - Bd. 1 - 2. - XXVI, 1235 S. : Ill. ; 25 cm. - ISBN 3-476-01235-2 : DM 198.00
[5598]

Was ist ein klassisches Kinder- und Jugendbuch? Über die Definition und die Verwendung des Begriffes wird schon lange und vielfältig diskutiert. Nun widmet sich ein spezielles Lexikon den "internationalen Kinder- und Jugendbuchklassikern." Der Umfang, zwei Bände im Lexikonformat mit insgesamt 1235 zweispaltigen Seiten läßt erstaunen. Es werden 534 Kinder- und Jugendbücher aus 65 Ländern als "Klassiker" vorgestellt. Da, wie die Autorin schreibt, "eine befriedigende Theorie des Klassischen in der Kinderliteratur bisher von der Kinderliteraturforschung noch nicht vorgelegt worden" ist, hat sie folgende Definition für die Auswahl zugrunde gelegt: "Als Kinderklassiker gelten diejenigen Werke, die in der Kinderliteratur eines Landes oder eines Sprachraumes eine herausragende Rolle spielen bzw. gespielt haben und sich hinsichtlich ihrer literarisch-ästhetischen Qualität durch eine besondere Innovationsleistung und Präsentativität für die Epoche auszeichnen." Der Begriff der literarisch-ästhetischen Qualität wird noch durch acht wesentliche Kriterien erläutert, wie Innovativität, Repräsentativität, ästhetische Gestaltung der Sprache, Einfachheit, Darstellung der kindlichen Erlebniswelt, Phantasie, Polyvalenz und Cross-Writing. Von diesen acht Kriterien genügten allerdings schon drei, um dem Werk den Status eines "Kinderbuchklassikers" zuzubilligen. Dennoch ist es erstaunlich, daß in Deutschland nur 29 Kinderbücher von 23 Autoren gefunden wurden, die diese Bedingungen erfüllen. Großbritannien mit 79 Werken, die USA mit 57 und Rußland mit 42 gehen da voran.

Für das Lexikon, das ursprünglich für Juni 1998 angekündigt war, aber erst Anfang August 1999 erschien, wurden Kinder- und Jugendbücher aufgenommen, "die in ihren Herkunftsländern klassischen Statuts erlangt haben." Dabei wurden aber die "Kriterien einer an der europäisch-nordamerikanischen Kinderliteratur entwickelten kinderliterarischen Ästhetik" nicht auf die Kinderliteraturen aller Länder angewendet. Es wurde "der Rang eines Werkes nur relativ zum Entwicklungsstand einer nationalen Kinderliteratur gemessen." So ist es das Ziel des Lexikons "ein den jeweiligen eigenständigen historischen Voraussetzungen und Entwicklungen entsprechendes Bild der Kinderbuchklassiker einzelner Nationalliteraturen zu vermitteln." Hier wirkt die Auswahl nicht überall überzeugend. Zwei Beispiele: ein Kinderbuch von der Elfenbeinküste, das bisher nur in einer Ausgabe 1982 in Paris erschien oder ein Kinderbuch das erst 1990 in Kenia erschien und lediglich um 1992 ins Deutsche übersetzt wurde, erhielten gleich den Klassikerstatus.

Ursprünglich war das Lexikon "als Ratgeber für die Benutzergruppe der Eltern geplant", die bei der Suche nach guten Kinderbüchern "angesichts der Fülle der kinderliterarischen Neuerscheinungen" ratlos sind. "Im Laufe der Arbeit hat sich das Projekt verselbständigt" und ist "zu einem umfangreichen wissenschaftlichen Nachschlagewerk" geworden. Für die ursprünglich vorgesehene Benutzergruppe ist es aber nur bedingt brauchbar, da von den 534 verzeichneten Werken nur 65 % ins Deutsche übersetzt wurden und lediglich 142 Werke noch im Buchhandel erhältlich sind. Die Anlage des Lexikons geht auch über die Anforderung eines Ratgebers weit hinaus. Der Preis des Werkes grenzt den Benutzerkreis ohnehin ein. Die Lexikonartikel sind streng gegliedert. Nach den Lebensdaten folgt eine Kurzbiographie und die Aufführung der Auszeichnungen des Autors. Den folgenden Werkartikeln[1] ist der Originaltitel mit Untertitel vorangestellt. Es folgt die Angabe der Sprache, die Übersetzung des Titels mit der Gattungsangabe, das Ersterscheinungsjahr und der Name des Illustrators. Das Werk wird ausführlich in der Reihenfolge: Entstehung, Inhalt, Bedeutung, Rezeption vorgestellt. Die bibliographischen Angaben gliedern sich in Ausgaben, Übersetzungen, Fortsetzungen, Adaptionen (Dramatisierung, Vertonung, Verfilmung), weitere Werke des Autors, Literatur zum Autor (teils noch untergliedert) und zum Werk. So erhält man optimal alle Informationen über das Werk nebst weiterführender Literatur. Lediglich die Angabe des Verlages hätte man sich für die Erstausgabe des jeweiligen "Klassikers" gewünscht. Die Auswahlkriterien muten zum Teil recht subjektiv an, wie es sich wohl ergeben muß, wenn von acht Kriterien drei beliebige genügen. Oder wenn Bilderbücher aus Platzgründen nicht berücksichtigt werden, aber Struwwelpeter und Max und Moritz doch aufgenommen wurden. Natürlich würde man sie zu Recht vermissen, aber warum fehlen dann herausragende Bilderbücher anderer Länder?

Das Lexikon enthält eine umfangreiche "forschungsorientierte Einleitung" mit der entsprechenden Literatur zur Klassikerproblematik und die notwendigen Hinweise zur Benutzung. Es schließt mit einem Verzeichnis der Fachliteratur, einem Länderverzeichnis (die Angabe des Verfassers, Titels und Erscheinungsjahres bietet zugleich eine gute zusammenfassende Übersicht). Es folgen Titel- und Verfasserregister. So ist das Lexikon bequem benutzbar. Erscheint auch die Zuerkennung des Klassikerstatusses nicht immer nachvollziehbar und vermißt man einige Titel, so sind doch insgesamt interessante und wichtige Werke verzeichnet. Damit ist das Lexikon ein nützliches Nachschlagewerk. Mit Recht schreibt die Autorin, daß es bisher keine "werkbezogene Lexika, die die wichtigsten Werke der internationalen bzw. nationalen Kinder- und Jugendliteratur zusammentragen und literaturhistorisch einordnen" gibt. Hier füllt das Lexikon eine Lücke. Die Möglichkeit, gute und ausführliche Werkvorstellungen der wichtigsten Kinder- und Jugendbücher aus aller Welt bequem nachzuschlagen, fehlte bisher.

Heinz Wegehaupt


[1]
Zur nicht markierten Nutzung von Texten aus Kindlers neuem Literaturlexikon durch die Verfasserin vgl. Ihr Kinderlein kommet : Naivität und Kunstverstand ; der Fall eines Klassikerlexikon / Monika Osberghaus. // In: Frankfurter Allgemeine. - 99-09-10, S. 45. [sh] (zurück)

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