Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht?


00-1/4-027
Zwischen Schreibtisch und Straßenschlacht? : Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland / Bernd Drücke. - Ulm : Klemm und Oelschläger, 1998. - 640 S. : Ill. ; 21 cm. - (K & O Wissenschaft ; 2). - Zugl.: Münster, Univ., Diss., 1998. - S. 514 - 570: Bibliographie der libertären Presse ... vom 31. Dez. 1985 bis zum 31. Dez. 1995. - ISBN 3-932577-05-1 : DM 59.80
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Solch ein Buch kann nur in enger Verbundenheit und Zugehörigkeit zur "Szene" geschrieben werden: Zunächst eine politikwissenschaftliche Analyse des Phänomens Anarchismus resp. libertärer Sozialismus verbunden mit einem Überblick über die Geschichte der libertären Presse in Deutschland, danach eine detaillierte Beschreibung und Diskussion von 96 westdeutschen und 6 ostdeutschen libertären Periodika und schließlich eine kommentierte Bibliographie von 475 westdeutschen und 21 ostdeutschen libertären Periodika, die in der Zeit zwischen dem 31.12.1985 und dem 31.12.1995 veröffentlicht worden sind. Materialgrundlage für die Studie ist das Privatarchiv des Verfassers, eine schriftliche Umfrage unter den auf den "Libertären Tagen" 1993 vertretenen Gruppen, von denen einige in vertiefenden Interviews befragt wurden: Im Juli 1998 umfaßte sein Archiv mehr als 7000 Hefte (z.T. auch Photokopien); Kleinanzeigen in der TAZ und in einigen der libertären Zeitschriften halfen, die Materialgrundlage zu erweitern, Kontakte herzustellen und Rundbriefe, Fragebögen und Bitten um Material auch an die richtigen Adressen gelangen zu lassen. Die Zusage, alle Texte über die Gruppen durch diese selbst autorisieren zu lassen, half Vertrauen aufzubauen und Informationen zu gewinnen, doch Vollständigkeit ist aufgrund des illegalen oder halblegalen, in jedem Fall aber zersplitterten und unter sich zerstrittenen Forschungsgegenstandes von vornherein nicht möglich. Drücke schließt sich eng an die ältere, ebenfalls Münsteraner Dissertation von Holger Jenrich[1] zur anarchistischen Presse in Deutschland 1945 bis 1985 an, die er allerdings als unvollständig kritisiert und folgerichtig in einem umfangreichen Kapitel um 20 Titel ergänzt. Freilich wird auch für Drückes Arbeit die von ihm zitierte Kritik "aus der Szene" gelten: "... die anarchistische (oder libertäre, oder autonome) Szene ist so vielfältig, daß sie vielleicht gar nicht in einer derartigen Arbeit faßbar ist."[2] Insbesondere für die libertäre Presse der DDR, für Kleinstpublikationen und Schülerzeitschriften nimmt Drücke diese mögliche Kritik an seiner Arbeit selber vorweg (S. 23). Einer weiteren Dissertation zum Thema in etwa 10 Jahren steht insofern wenig entgegen, wäre da nicht die zwiespältige Chance des Internet, die libertären Zeitschriften in die belegfreie Sicherheit des Virtuellen zu entrücken. Drücke bewertet diese Chance einerseits als für die "Szene" positiv, da Verschlüsselungstechniken und geringe Kosten die Verbreitung erleichtern und absichern, andererseits sieht er die Gefahr, daß sich linke Politik vollständig ins Virtuelle verabschiedet. "Die Vernetzung muß dazu führen, daß die Leute im wirklichen Leben zusammenkommen, um gemeinsame Politik zu machen" (Zitat, S. 482).

So haben wir in Drückes Dissertation sicherlich eine der letzten Arbeiten zur libertäten Presse, die sich auf Belege berufen und diese auch vorstellen kann: Die einschlägigen Fachinstitute und Bibliotheken sind dringend aufgerufen, sich um Drückes Privatarchiv zu bemühen und es für die Öffentlichkeit zu bewahren. Die Zeitschriften z.Z. in der ZDB suchen zu wollen, ist bekanntermaßen und von vornherein in den allermeisten Fällen vertane Mühe.

Wilbert Ubbens


[1]
Anarchistische Presse in Deutschland 1945 - 1985 / Holger Jenrich. - Orig.-Ausg., 1. Aufl. - Grafenau-Döffingen : Trotzdem-Verlag, 1988. - 273 S. : Ill. - (Libertäre Wissenschaft ; 6.) - Zugl.: Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1988. - Inhaltsgliederung, Aufmachung und Buchformat werden von Drücke nahezu deckungsgleich übernommen. (zurück)
[2]
Brief an den Verfasser (S. 22). (zurück)

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