Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Kulturen im Kontext


00-1/4-020
Kulturen im Kontext : zehn Jahre Sammlung Deutscher Drucke / hrsg. von der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke. [Ausstellung und Katalog: W. Vogt ...]. - Berlin, 1999. - 164 S. : Ill. ; 31 cm. - (Ausstellungskataloge / Staatsbibliothek zu Berlin ; N.F. 36). - ISBN 3-89500-134-1 (Reichert) : DM 49.80. - (Reichert-Verlag, Wiesbaden)
[5796]

Der vorliegende Ausstellungskatalog präsentiert aus bibliothekarischer Sicht die Ergebnisse des nunmehr zehn Jahre alten Großprojektes Arbeitsgemeinschaft Sammlung deutscher Drucke (AG SDD),[1] deren langfristiges Ziel nach den Worten des amtierenden Vorsitzenden der AG eine auf die sechs beteiligten Bibliotheken verteilte Nationalbibliothek der Kulturnation Deutschland ist (Jammers, S. 12).

Initiiert von Bernhard Fabian,[2] mit einer großzügigen fünfjährigen Finanzierung von DM 25.000.000 der Volkswagen-Stiftung angeschoben (je 1.000.000 DM pro Jahr für Personal- und Sachkosten der zunächst fünf mitarbeitenden Bibliotheken) und seit 1995 von den Unterhaltsträgern der beteiligten Bibliotheken finanziert, soll das Projekt die zum Teil erheblichen Lücken im Gesamtbestand des in Deutschland vorhandenen gedruckten Schrifttums schließen helfen. Anknüpfend an die jeweiligen historischen Sammelschwerpunkte erwerben fünf der beteiligten Bibliotheken retrospektiv alle im zusammenhängenden deutschen Sprachraum gedruckten Werke und, unabhängig von Erscheinungsweise, -ort und Fachgebiet, alle gedruckten Werke in deutscher Sprache für das jeweilige Zeitsegment zwischen 1450 und 1912 im Original, aber auch in Form von Reproduktionen.[3] Die Deutsche Bibliothek erwirbt Werke ab 1913 im Rahmen ihres bisherigen gesetzlichen Auftrages.

Mit der eindrucksvollen statistischen Bilanz des Projektes,[4] dessen Konzeption 16 Jahre nach dem Vorschlag von Fabian so einfach und tragfähig scheint, korrespondiert die bibliophile Gestaltung des Katalogs, dessen Einband ein Signet ziert: Ausdruck der in 10 Jahren gewonnenen corporate identity der SDD auf ihrem Weg zur Nationalbibliothek? In stärkerem Maße als der zum fünfjährigen Bestehen der Arbeitsgemeinschaft erschienene Band[5] ist der vorliegende Katalog - und das ist angesichts der kulturpolitischen Dimension des Projektes und der überproportionalen Verringerung der Erwerbungsmittel für die SDD[6] legitim - auf Repräsentation ausgerichtet. Nach einer kurzen Einführung in Ziele, Aufgaben und Geschichte des Projektes folgen Selbstdarstellungen der beteiligten Bibliotheken in der Chronologie der zu bearbeitenden Zeiträume. Im abbildungsreichen Katalogteil versuchen die bibliothekarischen Bearbeiter des jeweiligen Zeitsegments die gezeigten, mit den üblichen bibliographischen Angaben sowie Kurzbeschreibungen versehenen 203 Exemplare aus der gesamten Palette der SDD in den jeweiligen Zeitkontext einzuordnen - mit unterschiedlichem Erfolg.[7]

Natürlich werden im Katalog auch die anderen, nicht weniger bedeutenden Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft neben dem Druckerwerb genannt, nämlich die Werke zu erschließen, zu erhalten und der Benutzung zur Verfügung zu stellen.

Um sowohl der Frage nach der historischen Dimension als auch nach dem Ertrag des Projektes für die geisteswissenschaftliche Forschung nachzugehen, muß der interessierte Leser auf andere Publikationen zurückgreifen, deren bibliographische Angaben er zumindest in den Literaturhinweisen des Katalogs findet.[8] Da in den ersten gedruckten Reaktionen von Wissenschaftlern die Bilanz trotz der aus Erfahrungen gespeisten Skepsis und der Tatsache, daß allein die Summe der SDD-Bibliotheken und der darin bewahrten Bestände kein Äquivalent für eine Nationalbibliothek sein kann, durchaus positiv ist,[9] wäre der kurze Blick von Benutzerseite, wie ihn der Band zum fünfjährigen Bestehen bietet, mehr als angemessen gewesen.

Kathrin Paasch


[1]
Trug die Arbeitsgemeinschaft in ihrem Namen zunächst den zeitlichen Zusatz 1450 - 1945, so wurde dieser nach der deutschen Vereinigung, durch die die Deutsche Bücherei mit ihrem Sammelauftrag ab 1913 zur Verfügung stand, in 1450 - 1912 modifiziert und 1995 nach der Aufnahme Der Deutschen Bibliothek in die Arbeitsgemeinschaft ganz weggelassen. (zurück)
[2]
Buch, Bibliothek und geisteswissenschaftliche Forschung : zu Problemen der Literaturversorgung und der Literaturproduktion in der Bundesrepublik Deutschland / Bernhard Fabian. - Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 1983. (zurück)
[3]
1450 - 1600 und Musiknotendrucke bis 1800: Bayerische Staatsbibliothek München; 1601 - 1700: Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel; 1701 - 1800: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen; 1801 - 1870: Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main und Senckenbergische Bibliothek; 1871 - 1912 sowie Musiknotendrucke 1801-1945 und Landkarten ab 1801: Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz. (zurück)
[4]
Die Zahl der antiquarisch erworbenen Bände und der durch Tausch, Kauf, Geschenk erworbenen bzw. in Eigenleistung hergestellten Mikroformen muß der interessierte Leser selbst errechnen. Die Summe der Bände weicht dann allerdings erheblich (ca. 20.000 Bände) von der auf der Homepage angegebenen Zahl ab (beides Stand: Juni 1999), vielleicht weil auf der Homepage die im Katalog nicht angegebenen Zahlen Der Deutschen Bibliothek hinzugerechnet wurden? Die Zahlen der Homepage der AG, http://www.ag-sdd.de: 35.560 Mikroformen, 82.150 antiquarisch erworbene Bände. (zurück)
[5]
Das deutsche Buch : die Sammlung Deutscher Drucke 1450 - 1912 ; Bilanz der Förderung durch die Volkswagen-Stiftung / [im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke 1450 - 1912 hrsg. von Bernhard Fabian und Elmar Mittler]. - Wiesbaden : Reichert, 1995. (zurück)
[6]
Zu den Ursachen vgl. Wissenschaftliche Bibliotheken und Antiquariatsmarkt / Olaf Hamann. // In: "Nur was sich ändert, bleibt" / 88. Deutscher Bibliothekartag in Frankfurt am Main 1998. Hrsg. von Sabine Wefers. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1999. - (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie : Sonderhefte ; 75), S. 187 - 198. (zurück)
[7]
Z.B. findet sich zu einer Lithographie Toulouse-Lautrecs in dem von der SBB PK zu verantwortenden Text folgende für diesen Abschnitt symptomatische Bildunterschrift: "Die Haltung der Abwehr gegenüber dem Fortgang der gesellschaftlichen Prozesse war auf das als bedrohlicher empfundene Reagieren eines Künstlers auf diese Prozesse übertragen worden" (S. 121). Was sich da als Ein-"Ordnung" des künstlerischen Prozesses in die Kulturgeschichte geriert, ist nicht mehr, denn unverdauter Geschichtsdeterminismus. (zurück)
[8]
Z.B. Buchhandel, Bibliothek, Nationalbibliothek : Vorträge eines Symposiums der Arbeitsgemeinschaft Sammlung Deutscher Drucke / hrsg. von Bernhard Fabian. - Wiesbaden : Harrassowitz, 1997.- Die "Sammlung Deutscher Drucke" aus der Sicht des wissenschaftlichen Benutzers : ein Praxistest an sperrigem bibliographischem Material / Reinhart Siegert. // In: "Nur was sich ändert, bleibt" / 88. Deutscher Bibliothekartag in Frankfurt am Main 1998. Hrsg. von Sabine Wefers. - Frankfurt am Main : Klostermann, 1999. - (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie : Sonderhefte ; 75), S. 199 - 205. (zurück)
[9]
Die SDD ist nicht "einfach eine zusätzliche künstliche Altbestandsbibliothek", sondern eine "glückliche Ergänzung zu den gewachsenen Beständen der großen Bibliotheken" (Reinhart Siegert, a.a.O., S. 205). (zurück)

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