Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Basler Wiegendrucke


00-1/4-016
Basler Wiegendrucke : Verzeichnis der in Basel gedruckten Inkunabeln mit ausführlicher Beschreibung der in der Universitätsbibliothek Basel vorhandenen Exemplare / von Pierre L. van der Haegen. - Basel : Schwabe, 1998. - XVII, 359 S. ; 23 cm. - (Schriften der Universitätsbibliothek Basel ; 1). - ISBN 3-7965-1086-8 : SFr. 48.00, DM 58.00
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In Basel gehen die (Schweizer ?) Uhren anders. Wer wie der Rezensent das Glück hatte, für einige Wochen in der Stadt arbeiten zu dürfen, erinnert sich, wie präsent Geschichte zumindest im Universitätsbereich ist: Man erwartet, daß Jacob Burckhardt auf dem Weg ins Institut die Tram besteigt und Erasmus sich mit dem Rektor in einem Café verabredet. Da man den honorablen Frühdruckern ebenso ein (Nach-)Leben zubilligen muß, hätten wir Amerbach oder Johannes Froben nahe der Universitätsbibliothek zu gewärtigen, und Friedrich Biel winkte ein Taxi zum Eurocity nach Spanien ...

So nimmt es auch kaum wunder, daß nicht ein gelernter Bibliothekar oder Bibliograph das dringend erwünschte Gesamtverzeichnis der in Basel während der Inkunabelzeit gedruckten Bücher vorlegt, sondern mit Pierre L. van der Haegen ein "Manager,[1] Bibliophiler und Inkunabelkundler" (Schutzumschlag), der in einem "sabbatical year" 1982/83 die Forschungen zum Basler Buchdruck begonnen[2] und dieses Buch 1995 "in Angriff genommen" hat.

Weitab von Basel lebend, ist der Rezensent höchlichst beeindruckt und überrascht über die Darbietungsform des Katalogs - ähnliche Unternehmungen wie Ernst Voulliémes Buchdruck Kölns entschieden sich für eine alphabetische Ordnung der Drucke oder wie Curt F. Bühler über Bologna[3] oder Peter Amelung im Ulmer Teil seines Frühdruck im deutschen Südwesten[4] für eine chronologische Darstellung der Offizinen. Hier finden wir die Überschriften Die Drucker der ersten Generation, Der Wegbereiter des Aufschwungs, Die Drucker der späteren 80er Jahre und Die Drucker des letzten Jahrzehnts mit Produktionsschwerpunkt illustrierte Bücher.

Aber da melden sich Fragen. Johann Amerbach war einer der bedeutendsten Inkunabeldrucker überhaupt, und in Basel mag er als Primus gelten. Er war sicher mehr als ein Wegbereiter. Dieses Etikett dürfte auf Michael Wenssler (Drucker der ersten Generation) passen, der das Pech hatte, pleite zu gehen, sonst hätte er selbst den Aufschwung bewirkt. Im letzten Abschnitt sind die neunziger Jahre mit dem Produktionsschwerpunkt illustrierte Bücher verbunden, und darunter finden sich Basler Randgestalten wie Adam von Speyer und Kilian Fischer, deren erster wenigstens einen Titelholzschnitt besessen hat, beim zweiten ist keine Illustration erwähnt.

Im Grunde gehörten derartige Urteile in eine verbale Gesamtdarstellung, die wir im Band vermissen. Zumal er neue Druckerzuweisungen enthält, muß (und soll) er das Bild vom Basler Buchdruck, wie wir es z.B. aus den Handbüchern Ernst Voulliémes oder Ferdinand Geldners kennen, verändern. Ich wäre gern auf diese Punkte hingewiesen worden, und natürlich bin ich interessiert zu lesen, warum Amerbach nur ein Wegbereiter gewesen sein soll (aus der Optik des 16. Jahrhunderts für seine Frühzeit?). Bei den Druckern des letzten Inkunabeljahrzehnts, die ihren Produktionen verstärkt Bilder beigaben, hätte man die Verbindungen zur zeitgenössischen Kunstszene beleuchten und vielleicht Meister nennen können, die das Buchgewerbe bedienten. Haben aber nicht auch die älteren Offizinen die Ausstattung ihrer Bücher verbessert? Sie sollten wegen ihrer Erfahrung und vielleicht angesammelter Kapitalien dazu eher in der Lage gewesen sein. Sicher hätte man auch (wie Peter Amelung im Ulmer Teil seines Ausstellungskatalogs) das Vorkommen der Typen dokumentieren können.

Wenn man das kurze Geleitwort des Direktors der UB Basel liest, verstärkt sich der Eindruck, daß dieses Verzeichnis als interne Basler Angelegenheit gedacht ist. Da wird von einem "wichtigen Stück Basler Geschichte" und dem "Nachweiskonzept der Bibliothek" gesprochen. Als Außenstehender muß ich dem "schade" entgegnen, vor allem wegen der Mühen des Autors! Hätte man nicht doch die Einblattdrucke einbeziehen können, auch wenn "die meisten" (S. XIII) im Stadtarchiv lagern und (1909!) ausführlich beschrieben sind? Ja, und selbst der Provenienzaspekt kommt zu kurz. Das Bemerkenswerte an der Basler Buchlandschaft des ausgehenden 15. Jahrhunderts ist die enge Kooperation der Druckereien mit der Basler Kartause und dem Augustiner-Chorherrenstift St. Leonhard, denen die Drucker ihre Novitäten schenkten und von denen sie Vorlagen für ihre Drucke erhielten, sowie so mancher Besitzeintrag der in der Stadt wirkenden Humanisten. Ich hätte diese Provenienzen gern in einem Register erschlossen gefunden, und da es sich um den abgegrenzten UB-Bestand handelt, wäre das machbar gewesen. Auch hätte es mich interessiert zu erfahren, wo sich außerhalb Basels Geschenke an die Kartause befinden oder befanden.[5]

Es gibt nur wenige Städte, an denen man die Symbiose zwischen Buchdruck und Universität so detailliert beobachten kann wie in Basel. Die Entwicklung der folgenden Jahre, von Erasmus bis über Jacob Burckhardt hinaus, ist zu einer bestimmenden Komponente europäischer Geistesgeschichte geworden, und man darf wohl behaupten, daß der humanistische Geist der Stadt zumindest in Buch-Menschen Sympathie erweckt. Diesen hätte man mit mehr und genauerer Information einen Dienst erwiesen, ihre Neugier hätte man reichhaltiger befriedigen können.

Aber natürlich können wir dem Autor auch für die vielen, vielen Nachrichten, die wir erhalten, dankbar sein. Wir besitzen nun eine moderne Liste der Basler Inkunabeln mit Umfängen, Blattzahlen, benutzten Typen und Holzschnittschmuck. Wir erfahren, wo wir die Drucke einsehen können, ob in Basel (Kapitel mit den zitierten Überschriften) oder auswärts. Im Anhang können wir Nachweise in der Schweiz ermitteln, nur bei CH:- müssen wir andere Nachschlagewerke konsultieren. Es folgen Register nach Autoren, nach dem Druckjahr und nach den Druckern (Hauptteil und Anhang ineinandergeordnet). Den Schluß bilden die Konkordanzen.

Bei der Solidität und Umsicht, die wir in diesem Hauptteil des Buches beobachten, tröstet es - denn doch - den oft vor den Basler Typen ratlosen Inkunabelbibliothekar, daß auch van der Haegen Fragezeichen setzen mußte. Wahrscheinlich sind diese Probleme nicht zu lösen, und wenn die Drucker handwerklich-solidarisch zusammengearbeitet haben und nicht in Konkurrenz gegeneinander, müssen wir neue Methoden entwickeln, den Austausch der Druckmaterialien zu verfolgen.

So haben wir uns über ein wichtiges Nachschlagewerk zu freuen, das unsere Kenntnis des Basler Buchwesens deutlich voranbringt. Die Monita betreffen einige Ungeschicklichkeiten[6] sowie den Überbau literarischer und geistesgeschichtlicher Schlußfolgerungen. Hoffen wir, daß uns bald eine Gesamtdarstellung, die die Ergebnisse des Buches nutzt, beschert sein wird. Pierre L. van der Haegen sei Dank, daß er sich der Kärrnerarbeit der Materialsammlung unterzogen hat.

Holger Nickel


[1]
Wohl in dieser Eigenschaft hat er für die Basler Handelskammer folgendes Gutachten erstellt: Technologiepark im Wirtschaftsraum Basel - überflüssig oder notwendig? - 1987. - (Schriftenreihe der Basler Handelskammer ; 13). (zurück)
[2] Frucht dieser Forschungen war die folgende Publikation: Basler Wiegendrucke : Verzeichnis der in Basel gedruckten Inkunabeln von Berthold Ruppel bis Nikolaus Kessler ; mit ausführlicher Beschreibung der in Basel vorhandenen Exemplare / von Pierre L. van der Haegen. - Basel : Universitätsbibliothek, 1985. - XII, 288 S. ; 30 cm. - (Publikationen der Universitätsbibliothek Basel ; 7). - ISBN 3-85953-014-3. (zurück)
[3]
The university and the press in fifteenth-century Bologna / Curt F. Bühler. - Notre Dame, Ind. : Mediaeval Institute, University of Notre Dame, 1958. - 199 S. - (Texts and studies in the history of mediaeval education ; 7). (zurück)
[4]
Der Frühdruck im deutschen Südwesten : 1473 - 1500 ; eine Ausstellung der Württembergischen Landesbibliothek / [Ausstellung und Katalog: Peter Amelung]. - Stuttgart : Württembergische Landesbibliothek. - Bd. 1. Ulm. - 1979. - XXIV, 407 S. : Ill., Kt. - ISBN 3-7772-7929-3. (zurück)
[5]
Neben Halle (Marienbibliothek Signatur: Z 1.175, bei Juntke 215 nicht erwähnt) und dem Antiquariat Quaritch (London), das 1996 im Katalog From Homer to Ronsard Amerbachs Exemplar von Richard v. St. Victor (Hain 13912, van der Haegen 16.70 und 71) anbot. (zurück)
[6]
So hätte der Autor die Siglen für die Inkunabelverzeichnisse dem allgemeinen Gebrauch anpassen sollen, so daß sich der Leser nicht an ein weiteres Kürzel gewöhnen muß. Auch habe ich nicht erkennen können, wie der Autor die Vesperae defunctorum einordnet, die aus der Donaueschinger Bibliothek Fürstenberg Paul Needhams Katalog von Sotheby's (London) 1.7.1994 unter Nr. 234 beschreibt (später z.B. in H.P. Kraus: Catalogue 209, Nr. 102). (zurück)

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