Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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The "Diario" of the printing press of San Jacopo di Ripoli


00-1/4-014
The "Diario" of the printing press of San Jacopo di Ripoli 1476 - 1484 : commentary and transcription / Melissa Conway. - Firenze : Olschki, 1999. - 366 S. ; 24 cm. - (Storia della tipografia e del commercio librario ; 4). - ISBN 88-222-4715-9 : Lit. 74.000
[5994]

In dem Florentiner Dominikanerinnenkloster in der Via della Scala, das seinen Namen nach seinem ursprünglichen Sitz "apud S. Jacobum de Ripoli" erhielt, richtete Fra Domenico da Pistoia, der 1474 zum Prokurator (Wirtschafter) des Klosters berufen wurde, eine klostereigene Druckerei ein, die 1476 mit dem Drucken begann und bis zum Tode Fra Domenicos im Sommer 1484 bestand. Sie war nach Klosterdruckereien in Augsburg (1473), Brüssel (1475) und Marienthal (1474) eine der frühesten Druckereien ihrer Art und mit Abstand die erste Druckerei in einem Frauenkloster, in der nachweislich auch erstmals Nonnen in der Setzerei mitarbeiteten. Von den mindestens 100 kleinen und größeren Drucken, die aus ihr hervorgingen, ist von mehr als der Hälfte heute kein Exemplar mehr bekannt. Das kostbarste Dokument, das uns aus der Klosterdruckerei erhalten ist, ist ihr Geschäftsbuch (Diario), das bereits 1794 in die Biblioteca Magliabechiana und damit in die heutige Florentiner Nationalbibliothek gelangte. Es wurde wenige Jahre vor dessen Auflösung von dem Florentiner Dominikaner Vincenzio Fineschi im Ripoli-Kloster entdeckt und von ihm 1781 in einer kleinen Publikation erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Francesco Roediger begann 1887 mit der Veröffentlichung von Teilen des Diario in der Zeitschrift Il bibliofilo, die er 1889 vorzeitig abbrechen mußte. Emilia Nesi setzte die Edition des Diario in einer eigenen Publikation fort, die 1903 in Florenz als selbständiges Buch von 127 Seiten erschien. Sie fügte ihrer Edition, die etwas mehr als das letzte Drittel des Diario umfaßt, einen auf den neuesten Stand gebrachten Catalogo delle opere della Stamperia di Ripoli (S. 29 - 59) bei, der insgesamt 94 Titel aufführt, darunter auch die, die zwar im Diario genannt werden, von denen sich aber kein Exemplar erhalten hat. Auf den Veröffentlichungen von Roediger und Nesi, die aber nur die den Buchdruck betreffenden Teile im Wortlaut herausgaben, basierte bis jetzt unsere Kenntnis des Diario. Die große Bedeutung dieser Quelle für die Geschichte des Frühdrucks im allgemeinen und für die des Florentiner Buchdrucks im besonderen ist längst erkannt. Mit Recht wurde die Stamperia di Ripoli im neuen Lexikon des gesamten Buchwesens (LGB2) mit einem ausführlichen Artikel bedacht,[1] der übrigens Melissa Conway unbekannt blieb.

Eine absolut vollständige Ausgabe des Diario war deshalb überfällig. Sie wurde nun mit der Dissertation von Melissa Conway vorgelegt. Während die als Kommentar (Commentary) vorgestellte und in vier Kapitel[2] eingeteilte Dissertation den Vorspann (S. 1 - 81) der eigentlichen Edition bildet und nur wenig wirklich Neues bietet, gilt unser Augenmerk vor allem der ersten vollständigen Edition des Diario selbst, die von Conway als Appendix I (S. 91 - 287) angehängt wurde. Sieben weitere Appendices folgen, von denen Appendix II mit der Chronological listing of works published by the San Jacopo di Ripoli Press ( S. 289 - 303) der wichtigste ist und den Catalogo Nesis von 1903 auch durch die bibliographischen Zitate auf den allerneuesten Stand zu bringen versucht. Fast überflüssig ist Appendix III (Output of all Florentine presses, 1476 - 1484), der in absoluter Kurzfassung die aus Dennis E. Rhodes (Gli annali tipografici fiorentini del XV secolo, Firenze, 1988) übernommenen Drucke in möglichst chronologischer Folge auflistet.

Nun zur Edition des Diario, deren philologische Zuverlässigkeit sich auf Anhieb nicht beurteilen läßt. Zu bemängeln ist von vornherein, daß Conway nirgends eine exakte physische Beschreibung der Handschrift bietet und sie nur an fast versteckter Stelle der Introduction (S. 1) halbwegs mit folgenden Worten beschreibt: "As a 'working document' written in haste, it is full of abbreviations and orthographical inconsistencies. Comprised of twelve paper quires of uneven size to which the final quire of twenty leaves is bound upside down, it is chronologically inconsistent, it is not uncommon for entries noting transactions separated by many years to appear consecutively." Die Kollation wird nur in einer Fußnote (S. 1, Anm. 3) angegeben und nicht analysiert. Conway weist auch nicht darauf hin, daß es sich bei der Handschrift um ein, für Geschäftsbücher dieser Art typisches schmales Hochformat handelt. Sie gibt auch nicht an, daß die Handschrift in moderner Zählung 150 Blatt umfaßt, von denen Blatt 131v bis 138v leer geblieben sind. Die letzte Lage ist auch nicht verkehrt eingebunden, sondern wurde nur umgedreht von der anderen Seite aus beschriftet. Blatt 139 bis 150 nach der Zählung von der Hauptseite aus werden so Blatt 12 bis 1 nach der Zählung von hinten aus. Diese Fehleinschätzung der Anlage der Handschrift hat bei Conway auch Konsequenzen für den Schlußteil (S. 279 - 287) ihrer Edition, in dem sie den Text der 12 letzten Blätter (Bl. 139 - 150 = 12 - 1 von hinten) in der falschen Reihenfolge (von 12 nach 1 statt von 1 nach 12) und damit auch der falschen Chronologie von 1482 nach 1477 (statt umgekehrt) wiedergibt. Nesi (a.a.O. S. 114 - 121) hat diesen Fehler nicht gemacht und wirkt auch sonst beim direkten Vergleich zuverlässiger als Conway. Auch über ihre Editionsprinzipien gibt Conway nur in einer Fußnote (S. 6 - 7, Anm. 21) gegen Ende ihrer Introduction folgende Auskunft: "Because Roediger and Nesi, in making orthographical or grammatical corrections, often imposed a particular meaning on a passage that was not borne out the by [by the!] original manuscript, I have chosen to provide a diplomatic transcription instead. The only area in which I deviated from absolute orthodoxy in my transcription was in following the exact word division (or lack thereof) of Fra Domenico et al." Schöne Grundsätze, deren Befolgung durch Conway man in einem Fall kontrollieren kann. Die Beschriftung des Pergamentumschlags der Handschrift wurde von Conway gleich am Beginn (S. 91) ihrer Transcription wiedergegeben. Verglichen mit der Wiedergabe bei Nesi (a.a.O. S. 121 - 123) ergeben sich natürlich einige Unterschiede und Widersprüche, die mit den "orthographical or grammatical corrections" durch Nesi zusammenhängen könnten. Es geht aber auch um abweichende Zahlen. Nun hat Conway zum Glück die Beschriftung des hinteren Umschlags am Schluß ihrer Transkription nochmals wiederholt, so daß man in diesem Fall ihre beiden Transkriptionen miteinander vergleichen kann (S. 91 und 287). Dabei zeigt sich, daß ihre beiden Transkriptionen an ein paar Stellen (auch bei Zahlen!) voneinander abweichen. Der gravierendste Fall betrifft den Namen der Florentiner Familie Panciatichi. Vorn (S. 91) transkribiert sie 'franciescho pantiachi' und hinten (S. 287) 'franciescho pantiatichi', während es bei Nesi (a.a.O. S. 123) wohl richtig 'franciescho panciatichi' heißt. Die Beschriftung des hinteren Umschlags, bei der eine Zeile 'upside down' geschrieben ist und sich mit der beigefügten Zahl '12' auf Blatt 12 der hinteren Zählung bezieht, hätte ihr außerdem klarmachen müssen, daß die letzte Lage der Handschrift nicht falsch eingebunden, sondern nur von hinten her beschrieben wurde. Ein weiterer Mangel dieses ansonsten sehr schön auf gutem Papier gedruckten Bandes ist, daß nicht eine einzige Abbildung beigegeben wurde. Bei einem Dokument der Bedeutung des Diario hätte man sich mindestens die Abbildung (auch etwas verkleinert) von drei bis vier charakteristischen Seiten und einer der beschrifteten Umschlagseiten gewünscht, so daß man sich selbst ein Bild von der wirklichen Beschaffenheit der Handschrift machen und wenigstens an diesen Beispielen die Qualität der Transkription Conways überprüfen könnte. Ein Desiderat für die Zukunft bleibt eine originalgroße Faksimileausgabe des Diario mit einer Transkription und philologischem Kommentar durch einen paläographisch versierten italienischen Philologen.

Abschließend noch ein Blick auf das etwas aufgeblähte Literaturverzeichnis (S. 83 - 90), das eine kunterbunte Mischung von Titeln aller Art vom 16. bis 20. Jahrhundert darbietet. Sogar eine sehr verkürzt beschriebene Handschrift der Biblioteca Palatina in Parma befindet sich darunter (S. 84: Campanini). Es lohnt nicht, auf die leicht erkennbaren reinen Druckfehler hinzuweisen. Herausgegriffen seien nur ein paar Merkwürdigkeiten, die seltsam anmuten. Warum muß in einem Buch, das vom frühen Buchdruck handelt, der Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) unter 'Kommission für den Gesamtkatalog der Wiegendrucke' und der Indice generale degli incunaboli delle biblioteche d'Italia (IGI) unter 'Centro nazionale d'informazioni bibliografiche' aufgeführt werden? Ein Titel von Pietro Bologna ist im Alphabet vor Bloy eingeordnet statt danach. Die unter Corsten, einen der Herausgeber, gestellte Bibliographie Der Buchdruck im 15. Jahrhundert wurde 1993 mit einem Teil 2 (Nachträge und Ergänzungen sowie die Register) abgeschlossen, während hier nur die nicht als Teil 1 gekennzeichnete Bibliographie von 1988 erscheint.[3] Bei den 1959 in Turin erschienenen Opera omnia von Marsilio Ficino handelt es sich um den Nachdruck der Basler Ausgabe von 1576. Weitere Reprints dieser Ausgabe erschienen ebenfalls in Turin 1962, 1979 und 1983.

Peter Amelung


[1]
Lexikon des gesamten Buchwesens (LGB2). - 2. Aufl. - Bd. 2 (1989), S. 620 - 621. (zurück)
[2]
Chapter 1. The San Jacopo di Ripoli Press; 2. The business of printing; 3. Managing a printing office; 4. The Ripoli Press and intellectual history. (zurück)
[3]
Der Buchdruck im 15. Jahrhundert : eine Bibliographie / hrsg. von Severin Corsten und Reimar Walter Fuchs. Unter Mitarbeit von Kurt Hans Staub. - Stuttgart : Hiersemann. - 28 cm. - (Hiersemanns bibliographische Handbücher ; 7). - ISBN 3-7772-8812-8 [0574]. - Tl. 1. Bibliographie. - 1988. - XVIII, 699 S. - ISBN 3-7772-8813-6 : DM 1300.00. - Rez.: ABUN in ZfBB 36 (1989),5, S. 447 - 450. - Tl. 2. Nachträge und Ergänzungen. Die Register. - 1993. - S. 701 - 864. - ISBN 3-7772-9317-2 : DM 230.00. - Rez.. IFB 97-1/2-037. (zurück)

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