Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
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Bibliothecae Apostolicae Vaticanae incunabula


00-1/4-013
Bibliothecae Apostolicae Vaticanae incunabula / ed. by William J. Sheehan. - Città del Vaticano : Biblioteca Apostolica Vaticana, 1997. - Vol. 1 - 4. - LXXI, 1624 S. ; 26 cm. - (Studi e testi / Biblioteca Apostolica Vaticana ; 380 - 383). - ISBN 88-210-0676-X : Lit. 280.000
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Im allgemeinen bibliothekarischen Bewußtsein ist die Bibliotheca Apostolica Vaticana eine der bedeutendsten Mittelalter-Bibliotheken der Welt: Ihr Reichtum an historischen Bücherschätzen entspricht dem der vatikanischen Kunstsammlungen, und besonders bei den Handschriften gehört sie an die Spitze aller Sammlungen. Gespeist aus klangvollen Provenienzen, muß sie neben einer Vielzahl von Ausgaben Exemplare von besonderer Qualität besitzen ...

Da nun auf 1624 Druckseiten der Inkunabelkatalog vorliegt, erfährt man, daß nicht nur der Gründer der Bibliothek der Herzöge von Urbino, Federico di Montefeltro (1422 - 1482), deren Sammlung 1657 an den Heiligen Stuhl kam, Drucke verabscheute (und nicht in seinem Besitz duldete, S. XXXIII), sondern so mancher vatikanische Bibliothekar in der langen Geschichte seit der Inkunabelzeit die Frühdrucke eher als Nebensache ansah. Es weckt Verwunderung, zu lesen, daß der als Helfer der Sublacenser Erstdrucker Sweynheym und Pannartz heute so gerühmte Giovanni Andrea Bussi von 1467 bis zu seinem Tode 1475 Bibliothekar der Päpste Paul II. und Sixtus IV. war, zu seinen Lebzeiten aber offenbar keines der von ihm geförderten oder edierten Werke in die Vaticana eingegangen ist (S. VI). Auch später herrschte oft Desinteresse.

So war nach den Worten von Leonard E. Boyle die Aufgabe des Autors, William J. Sheeham, nicht allein Katalogisierung, sondern die bisweilen detektivische Ermittlung von Ausgaben im Hauptbestand und in Sammelbänden. Boyle illustriert S. VIII nicht nur die Erwerbungsraten, sondern auch das Ausmaß dieser Entdeckungen, wenn er die offiziellen Schätzungen über den Inkunabelbestand gegeneinandersetzt: 1925 und 1936 um 6000, in den fünziger Jahren um 7000, jetzt über 8000. Sheeham nennt als Ergebnis seines Katalogs S. XLVII konkretere Zahlen: 5205 Ausgaben in 7926 Exemplaren.

Geleistet wurde die Katalogisierungsarbeit in nicht einmal zehn Jahren. Der Autor konnte sich auf die Vorarbeiten so bedeutender vatikanischer Bibliothekare wie Tommaso Accurti, Lamberto Donati und Luigi Michelini Tocci stützen, und er konnte die Titelaufnahmen des Incunable short title catalogue (ISTC) nutzen. Das Grundgerüst von dessen Eintragungen wurde leicht abgewandelt, indem Sheeham mehrere Rubriken N.B. (oft mit reichhaltigen Informationen zu literarischen Fragen) einführte, das Referenzgeflecht - vernünftigerweise - bis auf wenige bedeutende Bibliographien kürzte und an das Ende der Aufnahmen die Signatur setzte. Wo nötig schließen sich copy notes an, die Defekte, Varianten, Pergamentdruck oder Druckeigentümlichkeiten benennen.

Dem Titelalphabet folgen das Druckerregister und die Konkordanzen, einigermaßen verwunderlich nicht historisch mit Hain beginnend, sondern im Alphabet der Siglen der Referenzwerke (Copinger zuerst!). Danach finden wir auf gut dreißig Seiten Aufsätze und Monographien zusammengestellt, die sich mit Inkunabeln der Vaticana befassen. In einer Annotation werden die Signaturen genannt. Ein anschließendes Register ordnet die Verfasser den behandelten Signaturen zu, und mit der Hain-Nummer können wir die Eintragung im Katalog ermitteln. Das ist arg umständlich und verlangt vom Benutzer mehrmaliges Nachschlagen. Abbildungen fehlen.

Auch die Provenienzangaben sind nur mühsam zu ermitteln. Father Sheeham leitet den Band mit einem gut vierzigseitigen Überblick über die Inkunabelerwerbungen der Vaticana ein. Mit 143 Anmerkungen ist er reich dokumentiert, und als Literaturangaben zu den einzelnen Käufen und Schenkungen finden wir Aufsätze, die - vermutlich - detaillierte Auskunft über Einzelstücke geben. Doch hier geht es um (Bibliotheks-)geschichtsträchtige Namen, nicht einfache Kleriker und Rubrikatoren, die sich in den Drucken (mit Kaufvermerken oder Daten?) verewigt haben.

Einbandbeschreibungen fehlen völlig, unter den reference works finden wir keine Hobson, Kyriss, Schwenke/Schunke oder Weale/Taylor, Ilse Schunkes Palatina-Katalog wird Fußnote 73 zitiert, Tammaro de Marinis Legatura artistica Anm. 125.

So empfindet man als Leser des Katalogs eher Enttäuschung. Was der Bibliothek nutzte, die Entdeckung so mancher kostbarer Frühdrucke, ist für die Allgemeinheit so sensationell nicht. Denn es ist kaum vorstellbar, daß jetzt reihenweise Rarissima oder Unica zum Vorschein gekommen sind. Mehr ist es also nicht, was uns mitgeteilt wird, als daß von der oder jener Ausgabe auch hier ein Exemplar steht. Die unikalen Aspekte bleiben, außer bei den Hebraica, draußen. Darauf aber waren wir alle neugierig, darüber hätten wir gerade von dieser Bibliothek unterrichtet werden wollen.

Mit der Bedeutung einer Sammlung wachsen die Ansprüche der Leser an ihre Erschließung. So hat die Vaticana gegen ihre institutionelle Selbstachtung (wie man sie sich als Außenstehender vorstellt) gehandelt, indem sie sich begnügte, den ISTC herunterzuladen und das Datengerüst mit einigen bibliotheksspezifischen Daten anzureichern. Auch wenn Father Sheeham S. LIII sympathisch bekundet: "The errors, of course, are mine", diese Schuld ist ihm kaum allein anzulasten. Ein Inkunabelkatalog der Vaticana hätte eine umfassendere Strategie verfolgen müssen. Dazu hätte man vermutlich ein Team von Wissenschaftlern berufen müssen, neben dem Bibliographen auch Einbandkundler und zumindest Kunsthistoriker. Schlimm ist ja, daß nach Erscheinen dieses Katalogs so bald niemand Unterstützung erfährt, wenn er die fehlenden Angaben z.B. über Illuminationen, Wappen und Besitzer kleiner privater Bibliotheken um 1500 ermitteln möchte: umfassend, denn da die Sammlungen jener Zeit heute über die ganze Welt verstreut sind, interessiert jeder Beleg, der den einstigen Kosmos zu rekonstruieren hilft. Davon erwarten wir Auskünfte über die Zugänglichkeit von Ausgaben oder Kauf- und Lesegewohnheiten, etwa wie sie Paul Needham in seiner Datenbank über frühe Vorbesitzer zu erfassen sucht[1] oder Bernard Rosenthal mit seinen annotierten Frühdrucken sammelte (und der Beinecke Libary New Haven verkaufen konnte).[2] Aber vielleicht habe ich mich ja in bibliophiler Begeisterung verrannt und die Exemplare sind tatsächlich so glanzlos, wie sie in diesem Band wirken?

Holger Nickel


[1]
Index possessorum incunabulorum : (IPI) ; notes on the ownership of incunables / Paul Needham. // In: Papers of the Bibliographical Society of America. - 91 (1997), S. 539 - 555. (zurück)
[2]
The Rosenthal Collection of printed books with manuscript annotations : a catalog of 242 editions mostly before 1600 annotated by contemporary or near-contemporary readers / Bernard M. Rosenthal. The Beinecke Rare Book and Manuscript Library. - New Haven, Conn. : Yale University, 1997. - 389 S. : Ill. ; 31 cm. - ISBN 0-8457-3131-9 : $ 50.00. - (Medieval & Renaissance Texts & Studies, Arizona Center for Medieval and Renaissance Studies, Arizona State University, POB 872508, Tempe, AZ 85287-2508, USA) [4321]. - Rez.: IFB 98-1/2-012. (zurück)

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