Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 8(2000) 1/4
[ Bestand im SWB ]
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Handschriftencensus Westfalen


00-1/4-004
Handschriftencensus Westfalen / bearb. von Ulrich Hinz. Hrsg. von der Universitäts- und Landesbibliothek Münster. - Wiesbaden : Reichert, 1999. - XXXIV, 483 S. ; 25 cm. - (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster ; 18). - ISBN 3-89500-122-8 : DM 98.00
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An das Bessere als Feind des Guten mag sich erinnert fühlen, wer Handschriftenkataloge nach den einschlägigen DFG-Richtlinien[1] mit dem vorliegenden Handschriftencensus Westfalen (HCW) vergleicht - doch ist ein solcher Vergleich auch zulässig? Beide Unternehmungen wollen die mittelalterlichen Handschriftenbestände erschließen, in beiden Fällen sind gedruckte Kataloge in Buchform Ergebnis der Bemühungen. In gewisser Hinsicht haben auch beide Unternehmungen EDV-gestützte Recherchen im Blick: Doch während die Bearbeiter des Handschriftencensus zwar eine allegro-Datenbank anlegten, diese aber meines Wissens nicht online zugänglich machten,[2] fließen die DFG-Katalogisate in eine beim EDBI (Berlin) angesiedelte Online-Datenbank ein, die Recherchen nach der handschriftlichen Überlieferung bestimmter Autoren, Werke oder nach Zeugnissen bestimmter Schreiber, Provenienzen und nach anderen Kriterien erlaubt.[3]

Die Hauptunterschiede zwischen den Projekten bestehen jedoch im Hinblick auf ihre Beschreibungstiefe, im Hinblick auf die zur Verfügung stehenden Personalressourcen und die benötigte Bearbeitungszeit. Der Census soll kein ausgefeilter wissenschaftlicher Bestandskatalog sein, sondern ein Bibliotheken-übergreifendes Inventar für den westfälischen Landesteil Nordrhein-Westfalens. Insofern hieße es, Äpfeln mit Birnen zu vergleichen, wollte man den oben angesprochenen Vergleich weiter strapazieren. Allerdings soll der Census "die Grundlage für die spätere ausführliche Erschließung nach DFG-Richtlinien bilden" (HCW, S. V). Das erscheint aus praktischen Gründen auch sinnvoll zu sein, denn die Bearbeiter fanden im Gegensatz zu den süddeutschen Verhältnissen in Nordrhein-Westfalen insgesamt weniger mittelalterliche Handschriften bei einer umso größeren Zahl an heutigen Besitzern vor: Die in dem vorliegendem Band aufgeführten 972 Handschriften werden "an 83 Orten Westfalens in 138 (mitunter sehr kleinen) Beständen aufbewahrt" (S. VI).

Die Anfänge des westfälischen Census gehen auf eine Initiative von Ferdinand Seibt (Ruhr-Universität Bochum) zurück, der von 1984 bis zu seiner Emeritierung an dem Projekt einer Erfassung von Handschriften, Inkunabeln und Druckschriften in Westfalen für die Zeit von 1300 - 1550 arbeitete. Seit 1993 führte die Universitäts- und Landesbibliothek Münster diese Arbeiten als Handschriftencensus Westfalen fort, wobei Inkunabeln und Drucke ausgegliedert,[4] der bearbeitete Zeitraum aber auf das gesamte Mittelalter bis 1550 ausgedehnt wurde.

Welche Angaben macht der Census zu den einzelnen Handschriften? Das verwendete Kategorienraster wurde "weitgehend dem vom Handschriftencensus Rheinland[5] erarbeiteten Erfassungsformular" (S. XXIII) angeglichen. Ziel der Beschreibung mittels Autopsie ist es, die Handschriften "nach ihrem Äußeren und Inhalt für den späteren Benutzer" zu erschließen und "eindeutig identifizierbar" zu machen (S. XXIII). Im einzelnen werden soweit möglich genannt: heutiger Aufbewahrungsort und Bestand mit Signatur, Verfasser und Werktitel (evtl. eigene Ansetzung), Angaben zur Sprache der jeweiligen Texte (komplett lateinische Bände ausgenommen). Die äußere Beschreibung besteht aus: Beschreibstoff, Blattzahl, Format (Buchblock), ggf. Spaltenzahl und summarischen Hinweisen auf Buchschmuck sowie Schriftheimat und -datierung. Zum Inhalt der Handschrift werden die mit vertretbarem Aufwand ermittelbaren Autoren und Werktitel genannt. Darauf folgen Angaben zur Geschichte der Handschrift (Schreiber, Vorbesitzer, Beziehungen zu anderen Handschriften) und zu Editionen und zur Sekundärliteratur, sofern diese die betreffende Handschrift berücksichtigen. Im Gegensatz zum Handschriftencensus Rheinland hat man auf manche weniger sinnvolle Kategorie (wie z.B. die für die Identifizierung früher Drucke eher als für Handschriften geeigneten, sogenannten fingerprints)[6] verzichtet. Leider fehlen auch im HCW Initien (und demnach auch ein entsprechendes Register) - Bestandteile der Handschriftenbeschreibung, die zumindest für die nicht oder nicht sicher identifizierten Werke als unverzichtbar anzusehen sind.

Die bereits nach DFG-Richtlinien katalogisierten Handschriftenbestände der Universitäts- und Landesbibliothek Münster[7] und der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Soest[8] sind im Anhang (S. 359 - 392) in stark gekürzter Form enthalten, um zu der angestrebten Vollständigkeit für die bearbeitete Region beizutragen. Besonders verdienstreich sind die gesammelten Angaben zu Handschriften in westfälischem Privatbesitz, wobei die heutigen Besitzverhältnisse sowie evtl. vorhandene historische Hinweise darauf anonymisiert wurden. "Wissenschaftlich Interessierten kann zu einzelnen Handschriften - vorbehaltlich des Einverständnisses der Eigentümer - durch die Universitäts- und Landesbibliothek Münster oder durch das Westfälische Archivamt in Münster weitere Auskünfte erteilt werden" (S. XXI).

Ohne im einzelnen auf die Einträge einzugehen, sei hier doch ein Beispiel erwähnt, das zeigt, wie ertragreich auch die Recherche für die kurzgefaßten Census-Artikel sein kann: die unter der Census-Nummer 668 aufgeführten Sermones de sanctis des Conradus de Saxonia aus der Paderborner Bibliothek des Franziskanerkonvents (S. 307). Diese Handschrift wird in der noch immer maßgeblichen Arbeit Richard Marks über die Bibliothek der Kölner Kartause St. Barbara in seiner Konkordanz der Sir-Thomas-Philipps-Nummern mit den alten Signaturen der Kölner Kartause als verschollen bezeichnet.[9] Die eingehende Benutzung des Census wird noch viele weitere erfreuliche Entdeckungen und Wiederentdeckung ermöglichen, sie wird aber auch manche Lücke oder manchen Fehler im Detail zu Tage fördern, die hier nicht diskutiert werden müssen.

Erschlossen wird der Band durch Verfasser-, Titel-, Personen- und Ortsregister. Das Personenregister faßt dabei Schreiber, Vorbesitzer und andere erwähnte Personen in einem Alphabet zusammen, Vergleichbares gilt für die Schriftheimat, für Körperschaften als Besitzer und andere geographische Angaben im Ortsregister; damit entfallen Doppel- und Mehrfachnennungen. Durch die Verwendung von Abkürzungen für die jeweilige Art der Orts- oder Personenangabe wird dennoch eine differenzierte Suche im Register ermöglicht. Leider fehlt dem Band ein Abkürzungsverzeichnis, was trotz der Verwendung "der in Handschriftenkatalogen üblichen Abkürzungen" (S. XXV, Anm. 32) von jedem sorgfältig erstellten, wissenschaftlichen Werk erwartet werden darf. Weiter ist das Fehlen eines Sachregisters zu beklagen.

Dennoch stellt der Handschriftencensus Westfalen ein nützliches Instrument für Forschungen über mittelalterliche und frühneuzeitliche Handschriften dar. Es wird in keiner größeren Handschriftenabteilung wissenschaftlicher Bibliotheken fehlen. Eine auf dem Census aufbauende, gründliche Katalogisierung der Handschriften nach den DFG-Richtlinien bleibt weiterhin auch für die "schwierigen" Bestände in Nordrhein-Westfalen zu wünschen.

Johannes Mangei


[1]
Richtlinien Handschriftenkatalogisierung / Deutsche Forschungsgemeinschaft, Unterausschuß für Handschriftenkatalogisierung. - 5., erw. Aufl. - Bonn-Bad Godesberg : Deutsche Forschungsgemeinschaft, 1992. - 94 S. - Kostenlos für Bibliotheken [1451]. - IFB 93-1/2-004. (zurück)
[2]
Kurzbeschreibungen von 18 mittelalterlichen Kodizes der Lippischen Landesbibliothek Detmold im Rahmen des Handschriftencensus Westfalen waren nach Angaben von Klaus Graf "online, wurden aber vom Netz genommen" (http://www.uni-koblenz.de/~graf/hsslink.htm). (zurück)
[3]
http://www.dbilink.de (Datenbanken: Handschriften des Mittelalters). (zurück)
[4]
Auch Archivgut wird nicht berücksichtigt, Mischformen mit literarischen Texten und Zweifelsfälle aber in der Regel aufgenommen, vgl. S. XIII - XIV. (zurück)
[5]
Handschriftencensus Rheinland : Erfassung mittelalterlicher Handschriften im rheinischen Landesteil von Nordrhein-Westfalen ; mit einem Inventar / hrsg. von Günter Gattermann. Bearb. von Heinz Finger (Projektleitung) ... - Wiesbaden : Reichert, 1993. - Bd. 1 - 2 + Reg.-Bd. - (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf ; 18). - ISBN 3-88226-597-3 : DM 280.00. - Rez.: IFB 95-1-002. (zurück)
[6]
Vgl. dazu IFB 95-1-002, S. 10. (zurück)
[7]
Die mittelalterlichen Handschriften der Universitäts- und Landesbibliothek Münster / bearb. von Eef Overgaauw. - Wiesbaden : Harrassowitz, 1996. - 360 S. : Ill. - ISBN 3-447-03818-7 : DM 86.00. (zurück)
[8]
Die mittelalterlichen Handschriften der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Soest / beschrieben von Bernd Michael. Mit einem kurzen Verzeichnis der mittelalterlichen Handschriftenfragmente / von Tilo Brandis. - Wiesbaden : Harrassowitz, 1990. - 373, [4] S. : Ill. - ISBN 3-447-03123-9 : DM 168.00. (zurück)
[9]
The medieval manuscript library of the Charterhouse of St. Barbara in Cologne / Richard Bruce Marks. - Salzburg : Institut für Englische Sprache und Literatur, 1974. - Bd. 1 - 2. - (Analecta Cartusiana ; 22). - Hier Bd. 2, S. 448. (zurück)

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